Pfingsten 1994 - Donauradweg von Donaueschingen bis Regensburg

Die Einstiegsdroge...

 
 
 
 
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Im Winter 93/94 besuchen Rita und ich meine Eltern in Oberviechtach. Draußen ist es unwirtlich und regnerisch und beim Erzählen von Reiseerlebnissen kommen wir auch auf die Radtour meiner Eltern von Passau nach Wien zu sprechen, die sie mit Freunden im vergangenen Sommer unternommen hatten. Zwar weiß ich von geführten Radreisen mit Gepäcktransport, von sportlichen Wettbewerben wie der Tour de France, aber meine Eltern und sowas? Gar von Passau nach Wien?

Ich kann es mir nicht so recht vorstellen. Jedenfalls muß es sehr schön gewesen sein, ich sehe das Leuchten in den Augen und die Begeisterung beim Erzählen. Für den kommenden Sommer wäre wieder was geplant, vielleicht die Donau in die andere Richtung nach Ulm, und warum wir nicht mitfahren würden? Nun, Rita ist davon nicht so angetan, aber ich will es mir überlegen, sage später auch zu, will mir aber noch Kartenmaterial besorgen. In München angekommen, finde ich natürlich genügend Fahrradliteratur und erstehe einen schön bebilderten Reiseführer, der mich nach begeistertem Durchlesen von der Durchführbarkeit des angedachten Projekts überzeugt.

Nun bin ich 32-jähriger (im Moment noch) unsportlicher Mensch endlich beruhigt und beginne mich auf die Unternehmung zu freuen. Pfingsten und die Woche danach werden als Reisetermin festgelegt und ich finde mich schon die Woche vorher in Oberviechtach ein, um noch für mich alleine ein paar Touren zu unternehmen. Irgendwann erstehe ich auch noch eine Dreifach-Satteltasche bei Eduscho (oder war’s Tchibo?). 30,-- DM hat die wohl gekostet und ist umständlich mit mehreren Riemen am Gepäckträger zu installieren (das bedeutet: gute 5-10 Minuten Auf- und Abrüstzeit und die Finger voll Kettenfett, wie sich später herausstellt). Außerdem bringe ich noch einen Rucksack mit den Malutensilien mit, den ich mir während der Tour umzuschnallen gedenke.

So treffe ich also zuhause ein. Das Wetter hält sich leidlich, ich fahre an ein paar Tagen in der näheren Umgebung von Oberviechtach herum. Ein oder zwei Tage vor Reisebeginn wollen meine Eltern noch eine Eingewöhnungstour mit mir veranstalten - beide machen sich wohl Gedanken über ein vermeintliches Ungleichgewicht bezüglich der körperlichen Leistungsfähigkeit, bedingt durch den Altersunterschied. Also geht’s denn nun Richtung Schönsee die alte stillgelegte Bahntrasse entlang, erst rauf zum Bahnhof Lind, dann runter bis Schönthal und dann langgestreckt und nicht unangenehm die sanfte Steigung bis Schönsee hinauf. Das Wetter meint es gut mit uns und wir pausieren ab und zu, machen Brotzeit, genießen die Morgenstimmung und kommen gut gelaunt in Schönsee an. Von dort nach Friedrichshäng und über die grüne Grenze hinüber nach Tschechien, wo wir uns fast in den Grenzwäldern verirren, aber dann doch an einen meinen Eltern bekannten Ort im Nachbarland gelangen. Beim kleinen Grenzübergang Tillyschanz haben wir wieder deutschen Boden unter den Reifen und gelangen alsbald wieder auf die Bahntrasse vom Vormittag, der wir jetzt die umgekehrte Richtung zurück nach Oberviechtach folgen. Alles was vorher Steigung war, wird jetzt zur Abfahrt und jede Abfahrt vom Morgen will nun erklommen werden.

Wir sind schon müde geworden, als ein Gewitter am Horizont uns zu denken gibt. Wir erreichen Oberviechtach aber gerade noch rechtzeitig und kehren noch ins Café Deyerl ein, um uns zu laben und zu erfrischen... Etwa 60 km durch hügeliges Land sind bei dieser meiner ersten Tagestour zusammengekommen, ich bin zugegebenermaßen recht müde, aber stolz aufmeine Leistung und ich bin glücklich und zufrieden, ein tolles Gefühl, daß sich in Zukunft am Ende der meisten Tagesetappen einstellen wird!

Es hat sich also erwiesen, daß wir gut miteinander unterwegs sein können, deswegen warten wir voll Vorfreude auf den Samstagmorgen. Ich fühle mich ganz wohl mit meinem silbernen Herrensportrad, die 10 Gänge flößen mir Vertrauen ein und neue Reifen haben ich ihm auch spendiert. Mein Vater fährt sein 5-Gang-Rad, das er zum 50. Geburtstag geschenkt bekam. Mutter ist am schlechtesten von uns ausgerüstet: Ihr Velo läuft recht schwer und hat nur 3 Gänge zur Verfügung. Aber mit der Einstellung: “Wenn es zu steil wird, dann schieben wir halt, wir haben ja Zeit” werden wir wohl alle auf uns zukommenden Herausforderungen meistern.

Pfingstsamstag - Anreise nach Donaueschingen

Jetzt geht sie also los, die große Sause...

am Morgen steht der Paul, ein Freund der Familie, mit Auto und Anhänger vor unserem Haus und gemeinsam schaffen wir es, die drei Räder zu verstauen. Das Gepäck hat auch noch Platz und schon sind wir unterwegs nach Regensburg.

Am Hauptbahnhof lädt uns Paul ab, wünscht uns mit einem skeptischen Gesichtsausdruck eine gute Reise, anschließend suchen wir unseren Bahnsteig. Dort sehen wir, daß wohl noch mehr Leute auf die selbe Idee wie wir gekommen sind: es wimmelt nur so von Rädern und Gepäckstücken. Aber der einfahrende Zug hat einen separaten Gepäckwagen, jeder und alles findet Platz, der Bahnbeamte scheint sogar etwas amüsiert das hektische Treiben rundherum zu betrachen. Die Zugfahrt führt uns im Prinzip die gleiche Strecke entlang, die wir bald zurückradeln werden. Draußen scheint die Sonne, wir sind guter Dinge, die Landschaft gleitet vorbei und wird immer schöner, je weiter wir nach Westen vordringen. Irgendwann fängt meine Nase zu laufen an, die Augen jucken und tränen: ich bekomme zum ersten Mal in meinem Leben eine Pollenallergie - Heuschnupfen. Doch momentan ist mir das noch nicht bewußt und ich führe es auf den Luftzug im Waggon zurück.

Donaueschingen ist irgendwann erreicht, die Räder werden ausgeladen, Gepäck montiert worauf wir nach Verlassen des Bahnhofsgebäudes erst mal mit der momentanen Orientierungslosigkeit fertig werden müssen! Aha, dort ist der Donauradweg angeschrieben, und da wiederum geht’s zum Schloß mit der Donauquelle, doch wir müssen ja in die entgegengesetzte Richtung. Also rein in den Straßenverkehr, rauf auf die Durchgangsstraße. Unser vorgebuchtes Zimmer liegt in einem kleinen Örtchen außerhalb der Stadt, nach ein paar Minuten schon kommen wir dort an und beziehen unser erstes Quartier. Abends bewegen wir die Räder noch ein paar Kilometer voller Vorfreude auf den ersten Reisetag.


Pfingstsonntag - Donaueschingen bis Hausen im Tal

Mir ist, als ob ich in der Nacht Regen hören würde, der auf’s Dach und an die Scheiben trommelt... Richtig: am frühen Morgen ist draußen alles naß. Die Sonne schafft es jedoch, die Wolken zu vertreiben, während wir noch beim Frühstück sitzen. Jetzt ist es also soweit! Gepäck montiert, Rucksack auf die Schulter geschnallt und langsam rollen wir zurück nach Donaueschingen, wo wir auch gleich den ersten Wegweisern begegnen und auf ruhigen Wegen aus der Stadt geleitet werden. Als ich nach ein paar Kilometern zurückblicke - die Stadt ist hinter einem Hügel verschwunden, dafür sehe ich aber die Ausläufer des Schwarzwaldes am Horizont - fühle ich mich wie ein Zigeuner, oder, treffender noch, wie ein Zugvogel, der die ganze weite Welt vor sich hat. Bald drückt mich der Rucksack, darum schnalle ich ihn oben auf die Packtaschen.

Die Donau ist vorerst nur ein kleines Rinnsal, noch vermutet niemand, daß sich dieser unscheinbare Bach einmal zu einem Gewässer mit großer Bedeutung sowohl in wirtschaftlicher, politischer als auch poetischer Hinsicht mausern wird. Links baut sich nun allmählich ein Hügel auf, der immer steiler wird und von einem Schloß oder großem Gutshof gekrönt wird: Wartenberg! Die Orte Gutmadingen, Geisingen und Immendingen bleiben hinter uns, einmal führt der Weg über eine alte Holzbrücke, wir nähern uns Möhringen, wo man uns die vielgerühmten Donauversickerungen versprochen hat. Das Tal ist inzwischen enger geworden und die bewaldeten Höhenrücken lassen dem kleinen Flüßchen kaum Platz und zwingen es zu weiten Schleifen und Bögen.

Da sich anscheinend zu Pfingsten immer noch die Schneeschmelze im Schwarzwald bemerkbar macht, ist von den Versickerungsstellen nicht viel zu sehen, im Gegenteil: oft steht der Radweg unter Wasser! Zuerst sind es nur Pfützen, man kommt noch mit Anlauf und hochgereckten Füssen durch, aber dann kommt eine Stelle, die auch dafür zu tief ist. Einige Radler halten dort, wundern oder ärgern sich und beratschlagen, jedoch kommt man zu keinem anderen Ergebnis, als die parallel verlaufende Autostraße zu benutzen. Zum guten Glück ist der Radweg nach ein paar hundert Meter wieder gut befahrbar und wir rollen aufgeräumt und guter Laune auf einem schattigen Weg nach Tuttlingen hinein. Dort passiert beinahe ein Unfall, weil mich ein schneller Radler überholt, der lautlos von hinten heranrast und gerade noch so an mir vorbeikommt. Mir entlockt es ein Schimpfwort und ich wettere über rücksichtlose Mountainbiker im Allgemeinen und über diesen Kerl im Besonderen.

Das ist jedoch bald vergessen, als wir Tuttlingen an einem Radweg neben der Hauptstraße durchqueren. Nach dem ruhigen Naturgenuß mutet einen selbst eine kleine Stadt wie Tuttlingen hektisch und lärmend an. Mittlerweile ist es später Vormittag geworden, der Hunger meldet sich, deswegen wird dieser auf der Terasse einer Sportplatz-Gaststätte gestillt. Ein Blick zum Himmel dämpft ein wenig die gute Stimmung, denn von Westen her gibt’s hoch am Firmament Schleierwolken, was in unseren Breiten ja oft eine Wetterverschlechterung bedeutet.

Aber noch ist es nicht soweit! Wir erreichen Fridingen und damit das Tor zum schönsten Teil der oberen Donau, einem engen Tal mit nackten Kalksteinfelsen, Burgen und Wäldern, das sich fast bis Sigmaringen hinziehen wird. Hier merkt man endgültig, daß heute Pfingstsonntag ist, denn es sind soviel Wanderer, Spaziergänger und Velofahrer unterwegs - alle müssen gezwungenermaßen den selben Weg benutzen - daß dieses wunderschöne, wildromantische
Wegstück zu einer Geduldsprobe für unsere Nerven wird. Die Route weist hier zudem einige saftige Steigungen auf und der Weg ist unbefestigt. Meine Mutter ist am Ende recht verärgert über die Unmöglichkeit der anderen “Verkehrsteilnehmer”, auszuweichen oder auf die Seite zu gehen (obwohl sie uns schon von weitem kommen sehen), weswegen wir diese Strecke leider nicht so recht genießen können.

Als wir bei Kloster Beuron eine Rast einlegen, nehme ich mir vor, diese Gegend mal an einem Werktag zu befahren. Langsam wird es Zeit, eine Unterkunft zu suchen, denn der Nachmittag ist fortgeschritten, wir sind müde und ein wenig grantig. In Hausen im Tal finden wir ein Privatzimmer im Dachgeschoß eines kleinen Anwesens - 30 DM inkl.Frühstück pro Person - im Garten tummelt sich ein Reh und allerhand sonstiges Kleingetier bevölkert das Grundstück. Wir beschließen den Abend mit einem Nachtessen in der Dorfwirtschaft und einem kleinen Spaziergang, der nach den 90 km im Sattel ganz gut tut.

Pfingstmontag - Hausen im Tal bis Dettingen

Am Morgen schaut es trübe aus: in der Nacht hat es wieder geregnet und die Wolken hängen noch im Donautal. Wir brechen nach dem Frühstück ein bißchen bang auf. Weil an der Streckenführung gebaut wird, leitet man uns auf die Bundesstraße um, wo sich der Autoverkehr am frühen Pfingstmontagmorgen noch in Grenzen hält. Nach ein paar Kilometern können wir wieder auf den liebgewordenen Radweg zurück. Sigmaringen ist bald erreicht, das Schloß beachten wir leider gar nicht. Für mich gilt es, einen Geldautomaten aufzusuchen um wieder liquide zu sein. Nach Sigmaringen kommt Scheer, und es ist im Moment nicht nur außen trübe: Vater braucht Kohlehydratnachschub und sucht zu diesem Zweck nach einem Café mit Bäckerei, Mutter macht sich Sorgen wegen Vaters Diabetes. Es fliegen ein paar unwirsche Worte hin und her, ich mische mich überflüssigerweise auch noch ein. Nach einer kurzen Diskussion scheint aber die Luft wieder rein zu sein, außerdem gibt’s ja genügend Gastronomie hier.

Wieder unterwegs folgt eine landschaftlich eher uninteressante Gegend, das Tal ist recht breit geworden, die bewaldeten Hügel sind seitlich zurückgewichen. In der Ferne sieht man einen markanten Berg, den Bussen, dem wir immer näher kommen. Die Wolken ziehen tief, die Stimmung ist jedoch wieder im Lot, zudem treibt uns der Rückenwind voran.Der Ausdruck von den “geschenkten Kilometern” wird hier geprägt, denn wir scheinen auf diesen asphaltierten Wirtschaftswegen wie von Zauberhand getrieben dahinzufliegen! Später müssen wir wegen des Hochwassers nochmals eine Umleitung fahren. Dann hat die Ebene ein Ende, es wollen noch ein paar Höhenmeter bewältigt werden ehe wir uns langsam auf Zimmersuche begeben.

Untermarchtal, Munderkingen oder Rottenacker kämen in Frage, aber erst in Dettingen finden wir eine uns genehme Bleibe. Bevor wir jedoch ausspannen können, fordert mein Rad nochmal Aufmerksamkeit: der Lenkervorbau ist locker geworden und ich kann kaum lenken, bzw. es lenkt von selbst wie es will, denn die Verbindung von Gabel zu Vorbau ist lose.. Das Werkzeug das wir dabeihaben greift nicht, so daß ich wohl oder übel eine Werkstatt aufsuchen muß.


Dienstag - Dettingen bis Lauingen

Wie das halt so ist: Fahrräder reparieren sich nicht von selbst, schon gar nicht über Nacht... Am Morgen stellt sich also das Vorbau-Problem erst so richtig. Ehingen liegt als nächst größere Stadt direkt auf der Route, bis dahin muß ich es also noch schaffen. Für die Innenstadt von Ehingen habe ich keinen Blick, eine Radl-Werkstatt muß her! Diese findet sich dann auch, hat aber noch geschlossen, worauf wir ungeduldig ein paar Runden zu Fuß um den Häuserblock drehen, Bananen und sonstigen Proviant kaufen, ob der Bedenklichkeit der Panne mutmaßen und dergleichen mehr. Schließlich macht der Laden auf und der Mechaniker muß nur den Vorbau richtig festschrauben, damit das Ding wieder hält. Eine Frage meinerseits, ob es denn auch Vorbauten als Ersatz gäbe, kontert der Mann etwas arrogant mit der Bemerkung, daß sich das für mein altes Rad doch nicht mehr rentiere..

Ich verlasse die Werkstatt etwas nachdenklich und, ja, fast beleidigt und nehme meinen Silberpfeil in Schutz. Hat mich das Rad nicht bisher treu begleitet? Auch wenn es schon Rost ansetzt, ist es mir nicht doch ein guter Freund geworden? Na also! Daß ich selber bald einen Sinneswandel durchmache, wird man im Folgenden sehen, aber alles zu seiner Zeit. Die Straße hat uns jedenfalls wieder. In Ehingen selber mutet man uns eine Steigung zu, aber bald dürfen wir wieder hinab ins Donautal rollen. Gemütlich gleiten wir dahin, die Sonne lacht wieder, mein Beleidigtsein habe ich längst vergessen, wo doch mein Rad so munter dahinhinfährt.

Ulm liegt vor uns, wir witzeln “In Ulm und um Ulm und um Ulm herulm...”. Ganz locker bleiben wir am Donauufer, die Vorstädte mit den Ausfallstraßen und Industriezentren sehen wir gar nicht und gegenüber vom Münster auf der rechten Flußseite wird erstmal Pause gemacht. Danach leitet man uns an das andere Ufer, wo uns ein sehr schlechter Uferweg durch den Auwald aufnimmt. Wir unterqueren die Autobahn und haben diese einerseits idyllische, andererseits sehr anstrengende und unbequeme Wegstrecke bald satt.

Nach schier endloser Zeit erreichen wir Leipheim, das wir uns mit einem saftigen Anstieg erstmal verdienen müssen. Hier mag Vaters Rad nicht mehr: auf dem holprigen Flußauenweg hat sich eine Befestigungsschraube der Vorderachse gelockert und ist verlorengegangen. In Leipheim finden wir zum Glück ein Fahrradgeschäft und während Mama und ich ein Eis essen oder Kaffeetrinken, wird dieser Schaden vom Fachmann behoben. Nach Leipheim schlägt bei mir der Heuschnupfen zu. Bei der folgenden Fahrt entlang der Getreidefelder tränen mir die Augen dermaßen, daß ich stellenweise gar nichts mehr sehe und wie blind weiterfahre. Andauernd nießen, Nase putzen und die Augen reiben, weil es juckt - das macht doch wirklich keinen Spaß! Die Sonne knallt vom Himmel und ein Gewitter ist im Anzug, aber bis Lauingen müssen wir noch fahren und das Wetter hält durch. Erst als wir vor dem Hotel die Räder abpacken, geht ein richtiger Platzregen los und wir sind froh um unsere Bleibe. Vor dem Einschlafen muß ich noch an eine kleine Begebenheit denken: heute kam uns während einer Durchfahrt durch ein kleines Dorf ein Mann mit einem ganz jungen Fohlen entgegen. Selten habe ich je so ein schönes Geschöpf gesehen wie dieses junge Pferd.

Mittwoch - Lauingen bis Stepperg

Am Morgen gibt es lange Gesichter, denn es regnet in Strömen! Nun, wir sind dankbar für die vergangenen trockenen Tage, man muß auch die Kehrseite der Medaille erleben. So recht und schlecht mit Regensachen ausgestattet ziehen wir los. Bald sind wir von innen durch den Schweiß nässer als von außen, doch unverdrossen ziehen wir weiter, schließlich hört es auf zu regnen und die Straße trocknet ab.

Als wir Donauwörth erreichen ist das Wetter schon kein Thema mehr. Im Zickzack führt man uns durch die schöne Altstadt, alles Barockfassaden, Bus-Touristen, Autoverkehr, aber - es gibt den obligatorischen Kaffee und Kuchen, der uns gut mundet. Wir fühlen uns in den trocken gewordenen Kleidern wieder wohl. Ich beschließe, mir eine Radfahrer-Sonnenbrille zu kaufen, um vielleicht das Tränen der Augen etwas eindämmen zu können. In einem Sportgeschäft erstehe ich ein sonderbares Teil, das meine Augenpartie hermetisch abriegelt. Aussehen tue ich damit wie ein Außerirdischer, aber es hilft ein wenig, weil es den Luftzug unterbindet.

Mittag ist schon vorbei als wir das größte Abenteuer der Reise erleben: Es ergibt sich in besagtem Moment, daß ich mit dem Vater etwas voraus fahre, Mama hintendrein, als ich bei einer lang gestreckten Abfahrt durch ein Dörfchen das Schild “Biergarten” mit Pfeil nach rechts erblicke. Anhalten, den Vater zu einer Pause überreden und abbiegen ist eins! Ebenso: Velo abstellen, Speisekarte überfliegen und Platz suchen. Doch kaum hingesetzt stellt sich die Frage: wo bleibt denn Mama? Also muß einer vorne an der Straße Ausschau halten. War sie so weit zurück oder ist sie etwa schon vorbei? Sie kommt und kommt nicht! Uns rutscht das Herz in die Hosentasche und wir fahren in verschiedene Richtungen davon, doch nirgends findet sich eine Spur von ihr! Erst nach langer Zeit und mit der Mithilfe anderer Radler finden wir sie wieder: Mama bekam unser spontanes Abbiegen nicht mit, weil ein LKW kurz vor der Biergarteneinfahrt parkt und fuhr deswegen unverzagt weiter... Es gibt natürlich ein großes Hallo, mit allen Schikanen und Pipapo. Der Schock sitzt jedoch tief und wir beendeten diese Tagesetappe früher als gewöhnlich in einem Ort namens Stepperg, der idyllisch am Zusammenfluß eines Bächleins mit der Donau liegt und der mir durch seine überdurchschnittiche Anzahl von Katzen im Gedächtnis geblieben ist.


Donnerstag - Stepperg bis Apertshofen

Auch an diesem Tag ist der “Ausreißversuch” meiner Mutter noch ein Thema. Nachdem wir gestern die Begebenheit noch zur Genüge besprachen und erörterten, wirkt es sich am Tag danach so aus, daß wir immer in Sichtweite fahren und Kursänderungen oder Pausenwünsche rechtzeitig anmelden.

Bis Neuburg an der Donau ist die Landschaft nicht spektakulär, in Neuburg finden wir eine Weile lang den Weg nicht und bis Ingolstadt werden wir auf dem Donaudamm entlang geleitet, was einigermaßen bequeme Fahrt, jedoch keine Abwechslung verspricht - wir sind inzwischen anspruchsvoll geworden! Ingolstadts Altstadt ist der geeignete Ort für eine ausgiebige Pause mit anschließender Lagebesprechung. Für heute ist geplant, von der Route abzuweichen und nach Appertshofen zu fahren, etwa 15 km von Ingolstadt Richtung Norden, um Papa’s Bruder Fritz mit Familie zu besuchen. Kaum verläßt man das Flußtal, ist man auch schon mit Steigungen konfrontiert! Aber es ist noch früher Nachmittag, wir kommen gut gelaunt und auch etwas stolz (zumindestens ich) an, wir werden herzlich empfangen und verleben einen netten Abend im Familienkreis.


Freitag - Appertshofen bis Mariaort

Früh am Morgen findet man uns zuerst auf der Rückfahrt nach Ingolstadt, wobei es zwar regnet, aber dafür bergab geht, d.h. es sind nur halb-geschenkte Kilometer. Der Dammweg von gestern wird jenseits von Ingolstadt weitergeführt, so daß wir bis Vohburg recht gelangweilt vor uns hin kurbeln.

Wenigstens hört es bald zu regnen auf! Bad Gögging lädt zum Verweilen ein. Mittlerweile Feuer und Flamme für diese Art des Reisens, komme ich mit einem Radler ins Gespräch, der alleine bis Wien und noch weiter möchte - beneidenswert!

Bis Kloster Weltenburg folgt eine hügelige Strecke, einige Höhenmeter wollen wieder malüberwunden werden, was sich leichter bewerkstelligen ließe, wenn nicht ein Gewitterregen ausgerechnet in diesem Moment niederprasseln würde. Ein wenig finden wir Unterschlupf unter ein paar Büschen, aber irgendwann sind wir einfach durchnässt und als der Regen nachläßt, fahren wir den Berg hinab bis Kloster Weltenburg. Hier nun lernt mich mein Fahrrad das Fürchten: die Felgen sind naß und meine Bremsen greifen nicht mehr, ich rolle den Berg hinunter ohne bremsen oder anhalten zu können. Bange Augenblicke sind das, dochich kann von Glück reden, daß die Straße langsam flacher wird, bis das Rad schließlich zu stehen kommt. Ganz benommen erreiche ich das Kloster, von wo wir das Schiff bis Kelheim nehmen wollen. Nach dieser "Schreckensabfahrt" habe ich das Vertrauen in meinen Silberpfeil verloren.

Auf dem Schiff befinden sich zwei Senioren mit exklusiven Rädern und Packtaschen- kaum der Gefahr entronnen, habe ich schon ein Auge für “neumodische” Fahrräder und Ausrüstung...

In Kelheim lugt wieder die Sonne durch die Wolken, als wir zuerst auf der linken Donauseiteweiterfahren. Bis Bad Abbach ist das in Ordnung, dort sollen wir jedoch auf die rechte Seite über eine schmale Brücke wechseln, das ist für mich mit meiner Höhenangst auch noch machbar. Als wir uns aber gegenüber der Naab-Einmündung befinden, bin ich überfordert: wieder müssen wir die Flußseite wechseln, weil unser Etappenziel Mariaort just am anderen Ufer bei der Naabmündung liegt. Doch der Weg hinüber führt über eine Eisenbahnbrücke in schwindelerregender Höhe, was für mich leider nicht zu bewerkstelligen ist. Nun ist wirklich guter Rat teuer. Ich wäre für eine kurze Trennung, würde meine Eltern rüber nach Mariaort zum Quartierbestellen schicken und alleine bis Regensburg fahren, eine passable Brücke suchen um am anderen Ufer wieder zurückzufahren. Aber das wollen sie nicht.

Also machen wir miteinander die 15 km Umweg über Regensburg, obwohl wir eigentlich schon überfällig für das Ende der Etappe sind. Letztendlich bringen wir diese Strecke doch noch gemeinsam hinter uns, obwohl Mama diesmal am Ende ihrer Reserven angelangt ist. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß sie diese 110 km mit ihrem schlechtlaufenden Rad bewältigen mußte.


Samstag - Mariaort bis Oberviechtach

Heute morgen schaue ich wehmütig auf die Donau zurück, die wir jetzt leider verlassen müssen. Ich weiß noch, wie ich am ersten Tag über ein Messingschild mit der Aufschrift “Budapest -1250 km” lächeln mußte, daß kurz nach Donaueschingen im Boden eingelassen war: heute würde ich gerne weiterfahren, einfach soviel Zeit übrig haben, um bis nach Ungarn zu gelangen.

Naja, ein andermal vielleicht, jetzt liegt erstmal das Naabtal vor uns, bekanntes und unbekanntes Gebiet zugleich. Erstaunlich schön und ruhig ist das Flußtal, als wir uns nach Norden an Kallmünz heranpirschen. Kallmünz selbst ist ein Kleinod am Fuße steiler Kalksteinklippen. Langsam wird die Gegend heimatlich: Burglengenfeld, Schwandorf (wo wir auf einer Kirmes Bratwürste essen), Schwarzenfeld. In Schwarzenfeld verabschieden wir uns von der Naab und biegen rechts ins Schwarzachtal ab, wo es zu meinem Erstaunen einen ausgeschilderten “Schwarzachtalradweg” gibt.

Bis Zangenstein läuft alles noch wie am Schnürchen, doch hier müssen wir wohl oder übel auf die Landstraße wechseln, da es bis Oberviechtach noch keinen Radweg gibt. Anstrengend wird dieser letzte Abschnitt in dreierlei Hinsicht: erstens gibt es seit Schwarzenfeld keine Einkehrmöglichkeit mehr, zweitens wird es jetzt recht hügelig und drittens sind wir nicht mehr ganz taufrisch an diesem letzten Reisetag. Besonders dem Vater macht dieses letzte Stück zu schaffen. Mich packt aber der Ehrgeiz und ich mobilisiere meine letzten Reserven und radle den beiden einfach voran.

Als ich zuhause eintreffe, macht sich Ernüchterung breit: es ist vorbei, leider! Die Eltern treffen auch ein, packen ab, stellen die Räder in die Garage, kommen ins Haus, wir wissen gar nicht so recht, was wir sagen sollen, der Alltag nimmt schon wieder Anlauf in Form von Aufräumungsarbeiten... Abends rufe ich Rita an, melde mich gesund zurückgekehrt und versuche ihr das Erlebte zu vermitteln, aber anscheinend bin ich damit nicht sehr erfolgreich, jedenfalls fühle ich mich traurig und allein. Am nächsten Tag, auf der Rückfahrt nach München, wird die Traurigkeit von dem Gefühl verdrängt, daß ich etwas Besonderes erlebt habe und daß ich eine solche Reise wieder einmal machen will!

In den nächsten Wochen plane und überlege ich herum, wie ich denn erneut in den Genuß einer Radreise kommen könnte. Ich mache kleine Touren von München aus, fahre die Würm entlang bis Starnberg oder bis Dachau, Rita fährt manchmal mit, ich kann sie aber nicht so recht für meine Reiseideen begeistern. In einem wahren Kaufrausch erstehe ich Rad-Reiseführer von verschiedenen Gegenden und erlebe das Geschriebene mit dem Finger auf der Landkarte und in meiner Phantasie nach. Schließlich erinnere ich mich daran, daß ich mit Rita vor Jahren mal ein Wochenende im Altmühltal verbracht hatte und wir damals schon die Räder dabei hatten. Ein Plan nimmt Formen an. Man könnte doch an einem der verlängerten Wochenenden im Juni im Altmühltal radeln? In Apertshofen bei Fritz und Rosemarie anfangen
und im Rundkurs nach dort zurückkehren? Rita erklärt sich einverstanden und bis es soweit ist, unternehmen wir noch ein paar kleinere Probeläufe. Am Wochenende vor der Altmühltaltour sind wir nördlich von Freising im Ampertal unterwegs, wo Ritas Fahrrad kaputt geht: Ein Ast verbiegt ihr das hintere Schaltwerk und an ein Weiterfahren ist nicht mehr zu denken. Ich bin sauer und enttäuscht und sehe meine Felle schon davon schwimmen. Aber Rita fällt ein, daß sie ja das Rad ihrer besten Freundin Hanne ausleihen könnte. Puh, nochmal Glück gehabt (und nicht zum letzten Mal...)!

 
 
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