Juni 1995 - von München ins Markgräfler Land

Hitzeschlacht...
 
 
 
 

[ Hier gibt's den Bericht als PDF-File (23 KB) zum Download ¦ Zurück zum Menü ]



Samstag - München Pasing bis Landsberg a. Lech

Der Termin für das schon erwähnte Töpferei-Jubiläum in Mauchen im Markgräfler Land rückt heran. Ich will unbedingt mit dem Fahrrad dorthin, Rita hat aber nicht die Zeit dafür. Sie erklärt sich aber bereit, später alleine von München aus mit dem Auto nachzukommen. Martin will mit mir mitfahren und am Samstag vor dem Fest treffen wir uns vormittags in Pasing. Aufgepackt haben wir wie noch nie, hauptsächlich Proviant, um das Wochenende zu überbrücken (Ich lade 3 Liter Wasser, eine Rotweinflasche und Konservendosen in die vorderen Packtaschen). Let’s go west! heißt die Devise, wir starten in Richtung Landsberg am Lech, das mit einem Campingplatz lockt. Als wir die ersten Kilometer durch die Vorortsiedlungen Münchens radeln, kann ich mich gar nicht an die Fahreigenschaften meines Rades gewöhnen, ich komme auch kaum um die Kurve damit. Also wird an Ort und Stelle umgepackt, um das Gewicht gleichmäßiger zu verteilen. Das hilft augenblicklich, so daß es im Folgenden ganz normal läuft.

Es wird der Jahrhundertsommer werden, fast 40 Grad im Schatten mit Sonnenschein bis zum Abwinken und schon auf den ersten Kilometern fangen wir gewaltig zu schwitzen an. Bis Landsberg geht es nicht etwa nur eben dahin, oh nein, es wollen Hügel bewältigt werden, ein paar mal gibt es schlechte Wegstrecken und schließlich zwingen uns auch noch Kanalisationsarbeiten in einem Dorf zu weiträumiger Umfahrung.

Zufrieden und glücklich, wieder unterwegs zu sein, erreichen wir abends den Campingplatz und spulen unser Abendprogramm ab: kochen, abwaschen, reden, lesen, schreiben. Ich will im Freien schlafen und überlasse meinem Mitreisenden großzügig das Zelt zur alleinigen Verfügung. Nach der Tageshitze genieße ich die kühle Nachtluft, betrachte mir das Sternenzelt und wache am anderen Morgen zerstochen auf: Bei aller Begeisterung für’s Schlafen im Freien habe ich nicht an Stechmücken und ähnliche Plagegeister gedacht.


Sonntag - Landsberg a. Lech bis Illertissen

Unten am Lech sehen wir dann eine Mückenaufzuchtanstalt! Doch gestochen ist gestochen, vorbei ist vorbei, es gilt den Fluß zu überqueren und einen radelgerechten Weg durchs Schwäbische zu finden. Buchloe durchqueren wir, in dem wir durch die Wohngebiete radeln, nach Türkheim wird’s wieder hügelig und wir schwitzen ganz schön, bis wir in Babenhausen gelandet sind und eine längere Pause einlegen. Mein Freund, der Heuschnupfen begleitet mich wieder auf Schritt und Tritt, die Augen sind ganz angeschwollen und brennen und jucken. Martin und ich lernen uns langsam besser kennen, sehen, welche Faxen jeder draufhat, wenn er erschöpft oder müde ist: Martin fängt an, mich zu ärgern indem er mir hinten so knapp wie möglich auffährt, ich dagegen werde grantig, ein richtiges Pflänzchen-rühr-mich-nicht-an. So gibt es auch den ein
oder anderen Wortwechsel zwischen uns, doch das geht auch wieder vorbei.
Der heutige Tag ist anstrengend und lang, wir sind froh, als irgendwann das Ortschild von Illertissen auftaucht. Der Campingplatz nimmt uns auf, ich schlafe wieder im Freien, diesmal ohne von Mücken geplagt zu werden.


Montag - Illertissen bis Sigmaringen

Und wieder sind wir in aller Herrgottsfrühe unterwegs! Das Wetter verleitet uns aber auch dazu! Morgens ist es nämlich wirklich erträglich zu fahren, mittags hat man dann schon um die 50 km hinter sich. Wieder überqueren wir morgens einen Fluß: diesmal ist es die Iller. Nach ein paar Kilometern versperrt uns eine Hügelkette den Weg, die wir auf einem Waldweg erklimmen. Martin fährt hier einen Platten und muß sein Hinterrad ausbauen und den Schlauch flicken. Das dauert nicht allzulange, gibt aber schmutzige Finger, so daß ich auf den nächsten Metern erst mal einen fluchenden Reisebegleiter habe. Wir erreichen die Donau kurz vor Ehingen, wo ich voriges Jahr den Silberpfeil reparieren ließ. An einem Getränkemarkt müssen wir erst die Öffungszeit abwarten, bis wir unsere Wasserflaschen wieder auffüllen können. Doch bald befinden wir uns auf dem Donauradweg, diesmal in umgekehrter Richtung, nach Westen, der Sonne entgegen...

Die Hitze brütet über dem Land, so radeln wir stoisch dahin. Die Gegend kenne ich zwar schon vom vorigen Jahr, aber heute sieht alles anders aus. Immer wieder machen wir unsere T-Shirts in der Donau naß, einmal springt Martin sogar in den Fluß. Nach schweißtreibender Fahrt landen wir in Sigmaringen auf einem schönen Campingplatz,der direkt an der Donau liegt. Ich schlafe wie üblich im Freien und betrachte mir wieder den Sternenhimmel.


Dienstag - Sigmaringen bis Mauchen

Heute bekomme ich Gelegenheit, die landschaftlich traumhafte Passage zwischen Fridingen und Sigmaringen zu genießen. Letztes Jahr war es ja so überlaufen, daß wir mehr mit dem Ausflugsverkehr als mit der Landschaft beschäftigt waren. Heute nun ist der ideale Tag für diese Route: Morgensonne und kaum Touristen. Viel zu schnell ist es aber dann auch vorbei und wir erreichen Tuttlingen. Dort machen wir Rast in einem Biergarten, ich trinke gemütlich mein Radler und hänge meinen Gedanken nach, während sich Martin querfeldein zu einem Dampflokomotiven-Friedhof durchschlägt, den man von hier aus in der Ferne erkennen kann. Auf der Weiterfahrt bewölkt es sich allmählich und wir finden gerade rechtzeitig eine Brücke zum Unterstellen, als mit Blitz, Donner und Platzregen ein Gewitter über uns hinweg zieht. Plötzlich befinden wir uns schon in der Nähe von Donaueschingen, einmal kommen wir an einem Industriegebiet vorbei, ein andermal kreuzt ein Fuchs mit einer Maus im Maul den Radweg. In Donaueschingen an der Donauquelle machen wir Fotos.

Was tun, mitten am Nachmittag schon am Etappenziel? Morgen wollten wir mit dem Zug nach Freiburg über den Schwarzwald setzen, doch als wir jetzt mal einfach so zum Bahnhof fahren, sehen wir einen Zug nach Titisee/Neustadt bereitstehen. Dann fahren wir eben heute noch hinüber! Der Bummelzug nimmt uns mit bis Titisee, wo wir umsteigen müssen. Dort hat der Bahnbeamte entweder Tomaten auf den Augen oder er mag keine Fahrradfahrer, die ihr vollbepacktes Vehikel mitnehmen wollen: als wir in Windeseile und hektisch die Velos einladen, schließt der Bahnbeamte die Tür, als ich gerade einlade und klemmt mich ein. Als ich ihn dann wütend darauf anspreche, zuckt er nur mit den Schultern. Ich beruhige mich wieder und wir kommen um 18.00 in Freiburg an. Um vom Bahnsteig zur Straße zu gelangen, muß man eigentlich 3 Stockwerke die Treppe hinuntersteigen, was mit unseren Rädern ja schon der Wahnsinn ist. Martin weiß sich zu helfen, indem er den Personenaufzug zweckentfremdet...

Es funktioniert, wir sind unten! 40 km sind es noch bis Mauchen und bald wird klar, daß wir die Distanz heute noch bewältigen werden, obwohl wir schon 100 km auf dem Buckel haben. Zuvor muß der Weg aus der “fahrrad-freundlichen Stadt” Freiburg gefunden werden. Das Attribut “fahrrad-freundlich” bedeutet hier: es gibt doppelt soviel Radwege wie
anderswo und die Radfahrer fahren doppelt so schnell, doppelt so aggressiv und sind voneiner unglaublichen Unfreundlichkeit, weil wir mit unseren Packeseln langsam dahinschleichen. Da schimpfe noch einer auf die Autofahrer!

Was an diesem Tag noch folgt, ist wie eine Vergeudung von Rohstoffen: 40 km sehenswerter Landschaft gäbe es zu genießen - im Rheintal entlang nach Süden, mit dem Schwarzwald zur Linken und der untergehenden Sonne zur Rechten. Die beiden ungeduldigen Martins strampeln aber nur mehr mechanisch und todmüde diese letzten Stunden vor sich hin, von einem lächerlichen Ehrgeiz getrieben... Doch bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir mit großem Hallo in Mauchen an.


Die Reise nach Mauchen ist vorbei, der Sommer ist allmählich in den Herbst übergegangen. Rita und ich verbringen noch 2 Wochen Urlaub in Mauchen, wo ich alleine eine paar Tagestouren unternehme. Dann kommt die kalte Jahreszeit, das Velo verschwindet wieder im Keller, frisch geputzt und geölt. Der Winter zieht ins Land, 1996 beginnt und damit ein Jahr voller Unruhe, emotioneller Achterbahnfahrten, seelischen Tauchgängen und Höhenflügen und schließlich einem gesunden Neubeginn. Die Beziehung zu Rita löst sich auf, ich verliere einen Teil meines Bekanntenkreises, indes sich alte und neue Freunde als treue Begleiter erweisen, ich ziehe in eine eigene Wohnung in der Münchner Innenstadt und die Beziehung zu Margrit bahnt sich an. Nicht viel Zeit zum Fahrradfahren bleibt in diesem Sommer 1996! Wohl unternehme ich eine handvoll Tagestouren, zumeist an der Isar entlang, die nur 100 m von meiner Wohnung entfernt fließt. Nach Süden bis Wolfratshausen, nach Norden bis Freising oder zum Ismaninger Speichersee, das sind jetzt meine Hausstrecken! Oder aber nur nach Feierabend bis zum Oberföhringer Wehr und durch den Englischen Garten wieder zurück nach Hause. So geht dieses Jahr vorbei, ohne daß sich meine Reisewünsche erfüllen. Durch die Beziehung zu Margrit hat sich ein anderer Lebensrhythmus ergeben: ich wohne nun alleine und fahre jedes zweite Wochenende nach Zürich. Langsam erhole ich mich wieder, mache es mir in meiner neuen Lebensituation gemütlich, schon drängen sich mir klammheimlich Bilder und Gedanken auf: wie schaut’s denn nun mit dem Fahrradfahren aus? In München? In der Schweiz? Da brauche ich ja ein zweites Fahrrad!

Also, den Silberpfeil wieder flott machen und mit nach Zürich nehmen? Oder das blaue Schauff? Während ich so herumgrübele und die Ideen von einer Gehirnseite in die nächste wälze, fällt mir jedesmal beim Spazierengehen ein Fahrrad in einem Fahrradgeschäft auf. Wochenlang drücke ich mir die Nase am Schaufenster platt, bis ich mich unversehens im Laden wiederfinde, mich nach dem Preis erkundige und schon im Sattel sitze und im Februar 1997 bei Eiseskälte ein Probefahrt mache.

Ein “Hybridbike” habe ich mir da ausgesucht, also eine Mischung aus Rennrad und Mountainbike, ohne Beleuchtung, Schutzbleche und Gepäckträger, in elegantem metallic-grün von der Firma Villiger-Arrow, Typ “Pacer”...
Eigentlich will ich ja ein Tourenrad, aber der Händler weißt mich auf die Möglichkeit hin, Gepäckträger, natürlich auch am Vorderrad, montieren zu können. Als wir uns über den Preis einig werden - es ist ein Vorjahresmodell - schlage ich zu, erstaunt darüber, daß ich nunmehr bereit bin, Preise zu zahlen, über die ich vor zwei Jahren noch den Kopf geschüttelt hätte. Jedenfalls wird das Arrow jetzt zu meinem Münchner Rad, während das blaue Schauff zu Ostern mit dem Zug nach Zürich verfrachtet wird. Das Problem, Fahrräder sowohl in Zürich als auch in München zu haben, ist nun gelöst, doch die Antwort auf die allerwichtigste Frage steht noch aus: wird Margrit mit mir Radfahren und Radreisen?

 
 
[ nach oben ¦ zurück zum Menü ]