August 1997 - Fulda- und Weserradweg

sehet die Blinden...

 
 
 
 

Plötzlich stehe ich vor der Situation, 14 Tage - also 2 ganze Wochen - Fahrradreise planen zu dürfen. Es ist wirklich wahr, ich kann es gar nicht glauben! Anfangs weiß ich nicht so recht, wohin ich denn nun fahren will, denn Auswahl gibt es zuhauf: die Romantische Straße, den Burgenradweg, den Rhein oder die Donau entlang?

Doch auf einmal ruft das Meer! Gibt es nicht einen Radweg an der Weser entlang? Von Hannoversch Münden bis Bremerhaven? Der ist aber “nur” 440 km lang, viel zu kurz für 2 Wochen Ferien. Vielleicht könnte man früher beginnen, in Fulda, denn das Fuldatal soll auch sehr schön sein. Auf einmal steht die Planung und die Anreise von Zürich aus gestaltet sich auch denkbar einfach:

Bei strömenden Regen radeln wir am Freitagnachmittag zum Zürcher Bahnhof. Wir haben noch etwas Zeit und gönnen uns am Bahnhof noch einen Kaffee, bis unser Zug nach Basel bereitsteht. Es folgt, wie üblich: Räder in den Gepäckwagen, Sitzplatz suchen, die Landschaft draußen betrachten! In einer Stunde sind wir in Basel, wo wir in einen Schnellzug umsteigen, der nach Frankfurt, Fulda, sogar weiter bis Wismar und Stralsund fährt. Während wir das Rheintal nach Norden fahren, erscheint noch kurz die Sonne, eine freundliche Geste, die uns eine wunderbare Abendstimmung beschert. Es ist schon dunkel, als wir die Skyline von Frankfurt sehen. Kurz vor Mitternacht treffen wir in Fulda ein, wo wir im Hotel “Peterchens Mondfahrt” ein Zimmer reserviert haben. Der Hotelbesitzer selbst öffnet uns zu so später Stunde noch die Pforte und wir dürfen die Velos im Vorraum abstellen.


Samstag 2. August - Fulda bis Rotenburg (76 km)

Früh am Morgen verheißt der Blick aus dem Fenster nichts Gutes: grau in grau zeigt sich alles, Nebel, Nieselregen. Nach dem Frühstück ist es zwar trocken, die Wolken hängen indes sehr tief, was unsere Stimmung nicht gerade hebt. Doch es ist der erste Reisetag und ich bin trotzdem ganz zuversichtlich. Heute, ganz am Anfang, begehen wir gleich einen Kapitalfehler, der sich während der nächsten Tage wiederholen wird: Wir fahren los ohne die Stadt zu besichtigen! Wohl kommen wir an einem Kirchenkomplex vorbei, nehmen die architektonische Schönheit der Anlage auch wahr, aber meine Ungeduld treibt uns auf die Straße...



Der Radweg ist bald gefunden und ruhig rollen wir aus der Stadt hinaus. Ab und zu spüren wir ein paar Regentropfen, aber es reicht nicht aus, um die Regensachen hervorzuholen. Wir wollen uns noch mit Proviant versorgen, um zwischendrin ein Picknick veranstalten zu können, finden jedoch nirgends einen Lebensmittelladen, obwohl wir schon durch vier oder fünf Dörfer gekommen sind. Als wir jemanden fragen, heißt es, daß man nur noch in der nächst größeren Stadt einkaufen kann, dort fänden wir auch einen Supermarkt. Nun, die “größere” Ortschaft Schlitz liegt sowieso auf der Strecke, die Frage ist nur, was die älteren Menschen in so einem strukturschwachen Gebiet machen, wenn sie nicht Autofahren können!?


In Schlitz finden wir dann den Supermarkt und können unseren Vorrat auffüllen. Anstatt einen kleinen Abstecher zur Burg zu machen, fahren wir gleich weiter. Immerhin gönnen wir uns ein Picknick auf einer Wiese, was eine Gruppe biertrinkender Männer auf einem Pferdewagen recht komisch finden, als sie an uns vorbeikutschieren. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit, denn uns wiederum erscheint dieser feucht-fröhliche Männerverein recht sonderbar. Als wir weiterfahren, unterqueren wir ein paar mal die ICE-Trasse, strampeln im engen, gewundenden Flußtal entlang oder gleiten durch kleine Fachwerkdörfchen.

Die Fulda ist hier ein kleines Flüßchen, noch unbegradigt und mit Bauernorchideen zugewachsen, was Margrit sehr gut gefällt. Von Bad Hersfeld sehen wir nur die Pizzeria, in der wir einkehren, und eine große Strassenkreuzung! Jetzt werden wir mit der lauten Bundesstraße konfrontiert, neben der wir ein Weilchen herfahren müssen. Das Donnern der LKWs schmälert natürlich den Spaß ganz beträchtlich! Kurz vor Rotenburg an der Fulda fängt es hartnäckiger zu nieseln an, aus diesem Grunde suchen wir uns hier ein Zimmer, schließlich sind wir heute lang genug unterwegs gewesen. Und morgen ist auch wieder ein Tag!


Sonntag 3. August - Rotenburg bis Hannoversch-Münden (93 km)

Unser neugieriger Wirt sucht beim Frühstück eine Unterhaltung mit uns anzuknüpfen, fragt nach dem Woher und Wohin, doch ich bin leider ein Morgenmuffel und Margrit braucht auch immer eine gewisse Zeit, um morgens wach zu werden, so gestaltet sich diese Kontaktaufnahme unseres Wirts etwas einsilbig. Erst nachdem ich ein paar Kilometer gefahren bin, werde ich normalerweise richtig wach.

Heute lichtet sich die Bewölkung bald und wir werden einen sonnigen Tag erleben. Natürlich schaut dann alles ganz anders aus: sogar den monumentalen Brücken der ICE-Trasse, kann man eine gewisse Eleganz nicht absprechen. Einmal mehr radeln wir durch Fachwerkdörfer, bis wir in Melsungen auf einem Platz unser Kaffee-und-Kuchen-Ritual pflegen. Jetzt hat die Sonne entgültig die Oberhand über die Wolken gewonnen, Pullis und Jacken verschwinden in den Packtaschen und die kurzen Hosen kommen zu Einsatz. Kassel ist nicht mehr so weit weg, es gilt eine Entscheidung zu treffen, denn momentan läuft die Documenta noch. Wenn wir eine passende Übernachtungsmöglichkeit fänden, würde ich mir die Kunstmesse gerne einen Tag lang anschauen. Aber mal sehen!

Als wir uns der Stadt nähern, merken wir schon, daß da etwas nicht so ganz stimmen kann: immer mehr Fussgänger sind auf dem Radweg an der Fuldaaue unterwegs, Autos parken überall kreuz und quer, Polizisten regeln den Verkehr. Immer mühsamer wird das Vorwärtskommen, schließlich müssen wir absteigen und schieben. Es ist hier zweifellos ein großes Fest im Gange. Überall Imbiß- und Getränkestände, auf dem Fluß fahren geschmückte Boote, Blasmusik ist zu hören. Zuerst nehmen wir’s ganz lustig auf, denken, daß der Spuk bald ein Ende haben wird, doch immer dichter wird das Gedränge und bald liegen unsere Nerven blank. Als wir uns an einem Getränkestand mit Flüssigkeit versorgen, werden wir angeschnauzt, weil wir unsere Räder ungünstig abgestellt haben.

Als wir das Gelände dann schließlich verlassen haben, reicht es mir, die Dokumenta kann mir jetzt gestohlen bleiben, ich will nur weg von den ganzen Leuten. Margrit hätte sowieso nur wegen mir die Messe besucht, also ist sie mit der Weiterfahrt einverstanden. Allerdings ist es schon später Nachmittag geworden, eigentlich Zeit für die Zimmersuche, denn wir sind wegen dem vorherigen Spektakel recht genervt. Doch es will sich keine Übernachtungsmöglichkeit auftun.

An diesem Punkt haben wir leider kein Auge für die landschaftlichen Schönheiten, dabei gibt sich die Fulda doch so große Mühe: gar lieblich zieht sie ihre Schleifen durch das Waldland, der Weg läßt sich so bequem und immer in Flußnähe befahren! Doch müde ist müde, bei jedem Dorf ohne Gasthaus wächst die Enttäuschung. Dann kommt es doch so, daß wir bis nach Hannoversch Münden weitermüssen, wo am Schluß der Tagesetappe noch eine saftige Steigung auf uns wartet. Naja, man gönnt sich ja sonst nichts...


Aber beim Genießen unseres wohlverdienten Feierabends macht sich dann doch Zufriedenheit auf unseren Gesichtern breit. Im Treppenhaus unseres Hotels wirbt ein Plakat für die Sehenswürdigkeiten dieser Region. Es ist von der Weserrenaissance und der Deutschen Märchenstraße die Rede, vom Rattenfänger von Hameln und den Bremer Stadtmusikanten...


Montag, 4. August - Hannoversch Münden bis Wehrden (67 km)

Ab heute heißt unser Fluß Weser! Die schöne Altstadt unseres gestrigen Etappenzieles würdigen wir keines Blickes (oder nur eines kleinen Blickes), schon ruft die Straße!

Im wahrsten Sinn des Wortes, denn anfänglich müssen wir heute auf der Landstraße fahren. Die ist Gottseidank nicht stark befahren, aber wir sind doch froh, als wir wieder auf einen autofreien Weg geführt werden. Man kann dann nebeneinander fahren und sich besser unterhalten.



Der Fluß, unser ständiger Begleiter ist hier leider schon recht stark in seinem Lauf reguliert, aber wie zum Trotz schmücken die roten Orchideen weiterhin die Ufer. Die Landschaft wirkt trotz des Sonnenscheins etwas düster, was wohl an den dunklen Wäldern liegen mag, die das Bild der Gegend hier prägen. Ich kann mir ganz gut vorstel- len, daß hier die Märchen der Gebrüder Grimm entstanden sind. Am frühen Nachmittag erreichen wir nach der ersten ernstzunehmenden Steigung auf dieser Reise die Stadt Bad Karlshafen, die einen völlig anderen Baustil aufweist. Das liegt daran, daß vor ein paar Jahrhunderten aus Frankreich geflohene Hugenotten diese Stadt gründeten und den französischen Baustil mitbrachten. Wir heben uns die Stadtbesichtigung wie so oft für spätere Urlaubsreisen auf.

Später am Nachmittag setzen wir mit einer kleinen Fähre über den Fluß und finden ein Zimmer in dem kleinen Ort Wehrden. Da gibt es eine Gaststätte direkt am Ufer der Weser mit Blick auf Schloß Fürstenberg. So eine Gelegenheit lassen wir uns dann doch nicht entgehen, so sieht man uns den ganzen Abend bei Schnitzel, Salat und Radler - das hier schon Alsterwasser heißt - den Sommer (inklusive Sonnenuntergang) genießen.







Dienstag, 5. August - Wehrden bis Hameln (75 km)

In der Morgensonne zu radeln, gehört für mich zu den ganz großen Genüssen. Die Landschaft ist noch taufeucht und der Himmel ist noch nicht so bleiern schwer wie um die Mittagszeit, sondern zeigt ein sanftes Blau. Wieder verzichten wir auf eine Schloß- Besichtigung. Diesmal liegt es daran, daß Schloß Fürstenberg hoch über dem anderen Flußufer thront! Der Aufstieg will uns gar nicht recht gefallen. Aber auf unserer Flußseite kommt bald das Kloster Corvey, wo wir zumindestens in den Innenhof radeln, freilich ohne abzusteigen oder gar ins Innere zu wollen. Wieder lockt die Ferne! Heute ist es aber auch interessant: nach jeder Flußbiegung tut sich eine neue Landschaft auf, wir können uns wirklich nicht über fehlende Abwechslung beklagen! Als wir in Holzminden Kaffee trinken, sitzen wir in einem Straßencafé auf der sonnenbe- schienenen “Piazza”, mit all der mittelalterlichen Stimmung um uns herum.





Heute machen wir uns auch mit einem anderen Phänomen vertraut, das uns die nächsten Tage begleiten wird: dem Gegenwind. Recht munter bläst es uns entgegen, jedoch folgen wir dem mäandrierendem Fluß und haben oft mehr Seiten- als Gegenwind. Heute scheint mir der heißeste Tag zu sein, mir ist so richtig schwindlig, als wir Hameln erreichen. Ja ja, der liebe Kreislauf!

Hameln ist ein Kleinod, zudem natürlich sehr touristisch, dazu trägt der Rattenfänger bei, es ist auch noch teuer, das stellen wir bei der Zimmersuche fest. Aber heute ist das mal egal, wir wählen nicht das billigste, sondern das angenehmste Zimmer. Wir gehen noch Kaffeetrinken in die Fußgängerzone, aber ich fühle mich heute wirklich nicht wohl, so daß ich mich bald aufs Zimmer begebe und Margrit alleine einen Streifzug durch die Stadt unternehmen lasse.



Mittwoch, 6. August - Hameln bis Minden (72 km)

Heute weicht die Weser dem Wesergebirge aus und macht einen Knick nach Westen. Das bedeutet für uns Seiten- bis Rückenwind, aber dafür die Sonne im Gesicht! Nun denn, so ist das halt! Wir sind nicht undankbar, wir hätten ja auch zwei Wochen Regenwetter erwischen können. Wir verlassen Hameln auf Schleichwegen, nicht ohne zuvor noch das Frühstücksbuffet im Hotel Christinenhof dezimiert zu haben. Der momentane Rückenwind bläst uns an den Dörfern vorbei: Fischbeck heißt eines davon, Hessisch Oldendorf kann man vom Ortsschild eines anderen ablesen; in Rinteln lädt uns der Marktplatz zum Verweilen ein. Eine Metzgerei liefert uns Aufschnitt, den wir unterwegs mitsamt einer Semmel zu verzehren gedenken. Langsam kündigt sich auch schon die Norddeutsche Tiefebene an: nur mehr der Höhenzug des Wesergebirges trennt uns noch von dieser. Das Flußtal ist hier schon recht weit, es wird Getreide angebaut und über den gelben Feldern flirrt die Luft in der Mittagshitze. Einmal sehen wir eine Windmühle, gewissermaßen ein Vorbote für die Kulturlandschaft der Norddeutschen Tiefebene.

Bevor der Fluß wieder nach Norden in seine ursprüngliche Fließrichtung umbiegt, gilt es für uns einen anstrengenden Anstieg - zum guten Glück im Wald - hinter uns zu bringen. Danach nähern wir uns der Porta Westfalica, ein markanter Einschnitt im Wesergebirge, der den Fluß nach Norden entläßt. Aber so dramatisch ist das nun auch wieder nicht, durch diese Schneise verlaufen nämlich die von Menschenhand geschaffenen Verkehrswege, da bleibt von einem Naturschauspiel recht wenig übrig. Gleich hinter der Porta Westfalica finden wir in Minden ein Hotel , das uns leidlich zusagt.






Donnerstag, 7. August - Minden bis Nienburg (74 km)

Ins Tagebuch habe ich unterwegs für die heutige Etappe nur den einen lapidaren Satz geschrieben: “die Landschaft ist flach geworden, der Wind bläst heftig von rechts und die Orte sind hübsch” . Dem gibt es hinzuzufügen, daß wir nach Minden die Kreuzung der Weser mit dem Mittellandkanal erreichen. Da kann man schon ob dieser gigantischen Schleuse bzw. des Hebewerkes staunen!
Daß jetzt alles so flach ist, will man am Anfang gar nicht so recht glauben: Getreidefelder bis zum Horizont, dazwischen mal ein Wäldchen oder eine Allee. Oder Bauernhöfe und in der Ferne einen Kirchturm - alles natürlich Backstein! Einmal verirren wir uns ein bißchen und finden den Weg nicht gleich, ein anderes Mal nähern wir uns einem Dorf mit dem Namen Rußland. Vorher sehen wir ein Schild am Straßenrand “letzte Raststätte vor Rußland” mit Pfeil nach rechts in einen Biergarten zeigend.

Doch je flacher die Landschaft, desto schmucker die Orte, möchte man meinen. In Nienburg essen wir nachmittags unser wohlverdientes Eis. Dort machen wir Pläne für die anstehende Zimmersuche. Eine Ortschaft in der Nähe heißt "Drakenburg" und dieser Name gefällt uns. Doch dort finden wir nicht was wir suchen, außerdem hält das Ortsbild nicht was der Name verspricht! Im Niendorfer Stadtteil Holtorf finden wir dagegen was Passendes.

Zu erwähnen gibt es noch, daß mein blaues Schauff heute seinen ersten Schaden ge- nommen hat: nachdem ich ein Schlagloch übersehen hatte, schliffen die Bremsen am Hinterrad und nach erster Untersuchung und Diagnose bemerkte ich einen Achter und einen Riß im Mantel. Was tun mitten in der Pampa? Ich hängte die Hinterbremse aus und fuhr einfach weiter, was Besseres fiel mir im Moment nicht ein oder übersteigerte meine mechanisch-technische Vorstellungskraft...


Freitag, 8. August - Nienburg bis Achim (72 km)

Es stellt sich eine gewisse Gleichförmigkeit ein: immer schönes, heißes Wetter mit Seitenwind (bzw. Seitensturm), immer - wie schon erzählt - Felder bis zum Horizont, Hecken, vereinzelte Baumgruppen, Kühe, Pferde, niedliche Dörfer und Städtchen mit fachwerkbunten Backstein-Häuschen.
Heute gibt es aber eine große Abwechslung: mein Fahrrad kränkelt! Wie schon früher mal erlebt, reparieren sich Räder nicht von alleine über Nacht! So stehe ich etwas ratlos vor meinem Patienten und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Da die Landschaft aber flach wie eine Flunder ist, meine ich mit meiner Vorderradbremse auszukommen, das macht mir keine Sorgen. Aber der Achter im Rad und der Riß im Reifen beschäftigt mich dann doch. Aber anstatt eine Werkstatt aufzusuchen, fahren wir weiter. Als ob ich auf rohen Eiern balancieren würde, achte ich auf jedes Geräusch am Rad, auf jede Veränderung im Fahrverhalten. Und wirklich, der Riß im Reifen wird größer, der Achter auch. Aber es kommt kein Fahrradladen in Sicht.

Als wir Verden an der Aller erreichen, bin ich schlecht gelaunt und in mich gekehrt, das
schöne Stadtbild von Verden mit dem eigenartigen Turm kann mich erst im Nachhinein begeistern. Kein Fahrradladen hier in der Innenstadt! Aber beim Passieren einer Storchenkolonie bessert sich wenigstens meine Laune etwas. Am Spätnachmittag sind wir in Achim angekommen, einem Vorort von Bremen. Von einem Terassemcafé aus kann man weit über’s Land blicken, wir beide sitzen den ganzen Abend bis nach Sonnenuntergang dort oben. Die Weser fließt direkt zu unseren Füssen, es gibt einen Sandstrand wo noch gebadet wird und viele Sportboote, die von Bremen zu kommen scheinen. Einmal landet ein Heißluftballon auf den Wiesen, als die Sonne schon den Horizont berührt hat. Jetzt ist es also Freitag und wir sind schon bald am Ziel unserer Reise angekommen. Was tun? Einerseits wären angesichts der Hitzewelle ein paar Badetage am Meer nicht schlecht, andererseits könnte man noch weiter nach Norden fahren, über die Elbe setzen, Cuxhaven, Kiel oder Flensburg ansteuern...


Samstag, 9. August - Achim bis "irgendwo hinterm Deich am Flüßchen Hunte" (74 km)


Zwecks weiterer Planung suche ich heute in Achim zwei Buchhandlungen auf, aber es läßt sich keine Fahrradkarte von Schleswig-Holstein auftreiben. Also verschiebe ich das auf später. Jetzt geht es ohnehin Richtung Bremen. Die große Stadt läßt sich ganz leicht durchqueren, die Weser entlang zieht sich ein Grüngürtel mit Spazier- und Radwegen. Wie gewohnt verzichten wir auf den Besuch der Stadt (sträflich, sträflich...). Jenseits von Bremen begrüßen uns die Kräne des Seehafens, die wir eine zeitlang an unserer Seite haben, bis das weitläufige Hafen- und Industriegebiet hinter uns liegt.
Dann machen wir Bekanntschaft mit dem Deich, dem Grasbewachsenen, der uns die Sicht nach rechts versperrt und uns den Blick auf die Weser vorenthält. So bleibt das jetzt: links flaches Land mit Wiesen, Kühen, Schafen, Pferden - rechts die grüne, schräge Wand des Deichs, hier nur mit Schafen (keine Kühe, keine Pferde!). Bevor ich jedoch anfange mich darüber zu mokieren, fängt das Hinterrad an, ernsthafte Schwierigkeiten zu machen. Jetzt sollte ich mir aber wirklich einen neuen Reifen zulegen, denke ich so vor mich hin, während der Riß immer größer wird und der Schlauch schon wie ein Ballon nach außen drängt...

Aber die zwei Fahrradläden, an denen wir vorbeikommen, haben schon geschlossen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Reifen mit Klebeband zu bandagieren -eine absolut professionelle Reparatur - und zu hoffen, daß ich noch bis Montag weiterfahren kann. Die ganz Sache kostet natürlich Nerven, die langweilige Landschaft kommt auch noch dazu, deswegen strample ich mißmutig und mechanisch vor mich hin, nicht ahnend, daß der Tag noch eine weitere Herausforderung mit sich bringen wird: es gilt nämlich, den Fluß Hunte zu überqueren. Der ausgeschilderte Radweg führt wieder mal über eine Eisenbahn- brücke, gar nicht mal so hoch, aber der Radweg ist nicht einmal einen Meter breit, der Boden besteht aus Gitterrost und von einer Brüstung sehe ich hier so gut wiegar nichts! Was ist zu tun, wenn der Martin wieder mal vor lauter Höhenangst in Panik ausbricht? Umkehren und einen anderen Weg suchen! Nach kurzer Beruhigungsphase kehren wir um und suchen auf der Landkarte eine Alternativ-Strecke. Margrit nimmt das alles recht locker, bemerkt jedoch, daß es für heute eigentlich genug ist. Ich kann da nur zustimmen und das Glück meint es gut mit uns, denn wir finden nach ein paar Minuten einen Gasthof direkt am Fluß Hunte gelegen, mit einem großen Garten, einem Bootssteg, auf dem liegend wir den Sonnenuntergang und erleben, und einem freien, erschwinglichen Doppelzimmer. Außerdem führt nebenan eine breite Autobrücke über den Fluß...


Sonntag, 10. August - von "irgendwo hinterm Deich am Flüßchen Hunte" bis Tossens (75 km)


Der Abend war der erholsamsten einer, gar grausam jedoch war die Nacht: was tut man in einem Mansardenzimmer, daß sich tagsüber wie ein Backofen aufgeheizt hat, wenn man das Fenster nicht aufmachen kann, weil sonst Millionen von Steckmücken über einen herfallen? Richtig! Man läßt das Fenster zu und leidet! Wenn aber das Fenster zu ist, die Luft siedendheiß, aber schon Stechmücken im Raum sind, die man aber wegen der Holzdecke nicht sehen und deswegen nicht totschlagen kann? Man leidet erst jetzt richtig, flucht vor sich hin und findet keinen Schlaf! Ein Wunder, daß wir am Morgen dennoch einigermaßen gut gelaunt sind, wenn auch übernächtigt und müde.
Heute nähern wir uns dem eigentlichen Reiseziel. Wir befinden uns auf der linken Weserseite und müssen dann oben bei Bremerhaven mit der Fähre hinübersetzen, wenn wir weiter nach Norden fahren wollen. Aber soweit sind wir noch nicht, wir radeln nämlich gemütlich den Deich entlang, bei weit über 30 Grad und grellem Sonnenschein. Einmal können wir durch ein Öffnung im Damm direkt zur Weser fahren, die hier schon dem Einfluß der Gezeiten unterworfen ist. Als wir an einem kleinen Leuchtturm Rast machen, gesellt sich ein einheimischer Radfahrer zu uns, der mit uns ein Gespräch über Radreisen und Wanderungen anknüpft. Er erzählt uns, daß er voreiniger Zeit mit seiner Frau den spanischen Jakobsweg entlang gepilgert ist. Dabei erwieß es sich von Vorteil, daß er sich eine Trillerpfeife um den Hals hängte, um so mit seiner voraus- oder hinterherwandernden Frau Kontakt aufnehmen zu können... (Überflüssig zu erwähnen, daß ich die Möglichkeit mit Margrit auch erörterte...) Jedenfalls wechselt das Gesprächsthema auf die hiesige Gegend, die unsere neue Bekanntschaft in höchsten Tönen lobt, wobei er uns vor allen Dingen diemalerische Halbinsel Butjadingen zwischen dem Jadebusen und der Weser nahelegt. Allerdings sei im Augenblick natürlich Hauptsaison, alle Übernachtungsmöglichkeiten so gut wie ausgebucht, er wünsche uns trotzdem viel Glück.

Als unsere Brotzeit beendet ist und wir wieder allein mit uns sind, kommen wir auf die glorreiche Idee, schon jetzt, am frühen Nachmittag, ein Zimmer vorzubestellen. Und wirklich: die meisten Unterkünfte sind belegt! Nachdem ich meine halbe Telefonkarte vertelefoniert habe, finden wir was in Tossens, einem Küstenort am Jadebusen, wohl 30 km von hier.

Während wir von der Weser nach Westen abweichen und diese Distanz noch in der Nachmittagshitze hinter uns bringen, sehe ich vor meinem inneren Auge Bilder von azurblauem Wasser, gelben Dünen und feinem Sand, gestreiften Strandkörben und heiser schreienden Seevögeln... Aber - man ahnt es schon - Fantasie und Realität klaffen oft weit auseinander! Wir sind in einer neu angelegten Touristengemeinde gelandet, mit Restaurants, einem Campingplatz, Ferienwohnungen, etc. Das wäre ja nicht so schlimm, aber das Meer und der Zugang dazu, entspricht gar nicht dem, was ich mir so ausgemalt habe: Es gibt keinen Sandstrand nur Betonplatten, die den Schlick eindämmen sollen, das Wasser riecht brackig und am Horizont sieht man die Kräne der Wilhelmshavener Hafenanlagen. Trotzdem sind wir erstmal froh für heute untergekommen zu sein.

Wir haben die Unterkunft für zwei Nächte gebucht, die wieder vom schon beschriebenen Stechmückenproblem geprägt sind. Am nächsten Tag kommen wir überein, unsere noch verbleibenden Urlaubstage hier in Tossens zu verbringen. Erstens sind wir in 9 Tagen rund 680 km gefahren ohne einen Ruhetag einzulegen, dann traue ich meinem Fahrrad nicht mehr über den Weg und außerdem könnten wir hier oben ja Tagesausflüge machen.


Das tun wir dann auch. Einmal radeln wir nach Burhave, besichtigen dort ein Gezeitenmuseum, ein anderes Mal fahren wir abends zum Naturschutzgebiet "Norddeutsches Wattenmeer" und genießen den Chor der See- und Strandvögel. Wir wechseln noch einmal die Unterkunft, diesmal bekommen wir eine kühle, mückenfreie Bleibe, bis wir schließlich die Rückreise organisieren müssen.

Wir wollen die Räder von hier aus nach Zürich zurückschicken, selber aber nach München
reisen. Das sorgt im Reisebüro in Burhave für einige Verwirrung, zumal die junge Dame hinterm Schalter sowieso noch neu in ihrem Metier zu sein scheint. Doch nach einiger Zeit treten wir mit Fahrkarten, Quittungen und Bestätigungen wieder in den Sonnenschein hinaus: am Freitagvormittag soll ein Speditionsfahrer unsere Räder vom Hotel abholen!
Der gute Mann auch zur ausgemachten Zeit, jedoch sitzt er am Steuer eines Kleinwagens und ist nicht auf den Transport von Fahrrädern vorbereitet. Außerdem fehlt eine Banderole, die am Fahrrad befestigt sein muß und die wir vom Reisebüro bekommen hätten müssen, wir haben aber die Quittung über die erfolgte Bezahlung! Es herrscht also Verwirrung, es wird herumtelefoniert, aber letztendlich geht dann doch alles klar und wir sind ehrlich neugierig, ob wir unsere Räder wohlbehalten wiederbekommen. Wir selber machen uns nachmittags mit dem Bus auf nach Bremerhaven wo wir noch eine Nacht verbringen und am nächsten Morgen mit dem ICE nach München zurückreisen wollen.

Als wir abends in Bremerhaven spazierengehen, haben wir das erste Mal das Gefühl, an der Nordsee zu sein: das Wetter hat nämlich umgeschlagen und ein frischer Wind trägt die salzige Luft zu uns herüber - sowas nenne ich Meeresluft und -duft! Morgens um 7.30 fährt der Zug in Bremerhaven ab, wir kreuzen ein paar Mal in wahnwitzigem Tempo das Fuldatal auf Brücken, die wir vor kurzer Zeit von unten betrachten durften. Um die Mittagszeit sind wir in München - so schnell kann das gehen!


Fazit:

Als ein paar Wochen vergangen sind, haben wir das Gefühl, zu wenig von der Radreise mitbekommen zu haben, sind wir doch fast wie blind an allen Sehenswürdigkeiten vorbeigerauscht, nur immer schnell weiter, nur ja keine Zeit versäumen! Durch die Übernachtungen in Hotels und Gaststätten und die oft zweimal am Tag eingenommenen Speisen in Restaurants war die Reise teurer als ein Karibik-Urlaub für 14 Tage! Wir nehmen uns vor, das zukünftig anders zu organisieren!

Als wir wieder nach Zürich kommen, stehen unsere beiden Räder zuverlässig bei der Gepäckaufbewahrung, lediglich ein paar ganz kleine Schrammen sind zu erkennen. Als ich mein Fahrrad zwecks Behebung des Achters in die Werkstatt gebe, stellt sich heraus, daß am Hinterrad ein Speiche gebrochen ist. Der Mechaniker führt das auf meinen wackeligen Gepäckträger zurück, der vollbepackt hin und herschlenkert wie ein Kuhschwanz. Und was macht der Martin? Er besorgt sich sogleich einen stabilen Gepäckträger...

 
 
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