Mai 1999 - von München nach Oberviechtach

Egotrip...
 
 
 
 
 
 

Dem “Saison-Auftakt” in Stein am Rhein folgen nun einige Tagestouren in der Schweiz. So fahren wir unsere üblichen Runden um den Greifensee oder bis nach Rapperswil, erkunden den Radweg an der Aare entlang bis Olten und Aarau, und erleben auch noch eine herrliche Tagestour von Rapperswil durch die Linthebene bis zum Walensee. Das blaue Schauff läuft mit den neuen Speichen wieder wie neu, aber für eine Reise mit Gepäck mag ich es jetzt nicht mehr benutzen. Deswegen rüste ich mein vor zwei Jahren erstandenes Arrow Pacer zum Reiserad um, montiere Gepäckträger hinten und vorne, ein bequemer Sattel und ein Tourenlenker sollen etwas mehr Komfort bringen.

Der Mai kommt und im Kalender sehe ich die eingezeichneten Feiertage: Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Anfang Juni schließlich Fronleichnam. Da könnte man doch! Da ginge vielleicht! Auf einmal steht der Plan: ich will mit dem Fahrrad die Strecke von München nach Oberviechtach fahren! Jahrelang bin ich mit dem Auto hin und her gependelt, kenne die Autobahn, die Bundesstraßen und die Ortsumgehungen in- und auswendig. Jetzt will ich diese Strecke mal mit dem Radl auf kleinen Straßen oder Wegen abseits des Autoverkehrs “erfahren”. Organisatorisch soll es so ablaufen, daß ich alleine von München nach Oberviechtach fahre, Margrit aber an Fronleichnam von Zürich aus mit dem Zug nachreist, damit wir ein paar gemeinsame Tage bei meinen Eltern verbringen können.


Freitag, 28. Mai - München bis Freising (40 km)


In meiner Ungeduld möchte ich natürlich keinen Augenblick verlieren, deswegen plane ich, am Freitag Nachmittag direkt nach der Arbeit bis Freising zu radeln, wo ich bei Ingrid und Rainer übernachten kann. Wie es halt vor Urlaubsbeginn bei mir so ist, kommt noch dieser und jener Auftrag in der Arbeit dazu, weswegen ich relativ gestreßt und genervt meine freie Zeit beginne. Schnell ist noch Obst eingekauft, ein paar Kekse und ein gewisses Kontingent an Taschentüchern - es ist Heuschnupfenzeit - aber bald sitze ich im Sattel, um mein erstes Etappenziel anzusteuern. Überflüssig zu erwähnen, daß ich mit dem Wetter wieder mal das große Los gezogen habe: der Frühsommer zeigt sich von seiner vorteilhaftesten Seite. Um Pfingsten herum war in Bayern Hochwasser angesagt, sogar unsere regulierte, handzahme Isar war auf Rekordstand geklettert, ich bin deswegen gespannt, ob ich den Radweg am Fluß entlang benutzen kann oder auf eine andere Strecke ausweichen muß. Es geht jedoch ganz gut, nur einmal muß ich für 50 m absteigen und schieben. Während ich so vor mich hinrolle, fällt die langsam die hektische Stimmung von mir ab und macht der ReiseStimmung Platz: Zufriedenheit, Unternehmungslust und Freude.

Die Strecke nach Freising ist nicht gerade atemberaubend, es geht einfach immer am Isardamm entlang, rechts die Isar, links Wald oder Gebüsch, aber das interessiert nicht, ich bin, wie gesagt, froh unterwegs zu sein. Gerade richtig zum Abendessen treffe ich bei meinen Freunden ein. Wir verbringen den Abend auf der Terasse, unterhalten uns angeregt bei Wein aus dem Markgräfler Land, während in der Ferne ein Wetterleuchten die Phantasie anregt.



Samstag, 29. Mai - Freising bis Abensberg (74 km)

Am Morgen beschließen Ingrid und Rainer, mich mit den Kindern ein Stück zu begleiten. Nach dem wir fertig sind, radeln wir also los - ich mit den Packtaschen, die anderen beiden mit den Kleinen im Kindersitz. Doch schon bald heißt es Abschied nehmen, mein Begleitschutz muß leider umkehren, wogegen ich der Isar noch ein paar Kilometer treu bleibe, bis ich mich nach links in die Büsche, bzw. die Hügel schlage., denn die Holledau ist leider nicht eben. Heute fahre ich überhaupt die erste richtig hügelige Tagestour mit Gepäck, ich flußradweg-verwöhnter Mensch betrete also Neuland. Wobei sich die Begeisterung bezüglich des Bergauftretens schon in Grenzen hält, wenn ich ehrlich bin... Zur Mittagszeit erreiche ich Nandlstadt und labe mich mit Wurstsalat und Apfelschorle, bevor ich mich durch die restlichen Hügel bis zum Flüßchen Abens durchkämpfe. Mit dem Erreichen dieses Flüßchens wird der Weg etwas ebener, er ist sogar offiziell als “Abens-Radweg” ausgeschildert und ich kann mich wieder etwas erholen, während der Fahrt eine Banane essen oder vor mich hinträumen. Mainburg mit seiner sehenswerten Altstadt ist ein guter Kandidat für eine Eis-Pause. Dort bestimme ich mir dann auch noch mein heutiges Etappenziel Abensberg, wo ich mir telefonisch gleich mal ein Zimmer reserviere.






Weiter geht’s. Elsendorf, kenne ich vom Autobahnwegweiser her wie meine Westentasche, doch wer hätte gedacht, daß es hier so lieblich ist? Das gleiche denke ich auch von Abensberg, als ich abends zu Fuß das Städchen erkundige. Soviel Mittelalter, und dann noch so gut renoviert! Ich sitze am Marktplatz beim Abendessen, als ich dieses so vor mich hindenke. Die steigungsreiche Etappe spüre ich gewaltig in den Beinen, darum halte ich nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit hier aus, sondern begebe mich bald in mein Zimmerchen zurück, wo mir ein kleiner Farbfernseher noch die Zeit vertreiben wird. 40,-- DM zahle ich heute für ein gemütliches Zimmer in einem Hotel garni, kein Vergleich zu den Absteigen von letztem Herbst am Bodensee und am Rhein.


Sonntag, 30. Mai - Abensberg bis Bubach (85 km)

Heute ist der Tag der geschenkten Kilometer! Ich sage nur: Rückenwind! Doch der Tag fängt ganz anders an, denn beim Frühstück ergibt ein Gespräch mit der Wirtin, daß Kloster Weltenburg immer noch unter Wasser steht, auch die Zufahrtsstrassen dorthin sind wegen des Hochwassers gesperrt. Das heißt für mich, daß ich die im Radführer gar nicht empfohlene Umfahrung der Weltenburger Enge wählen muß. Steigungen und vielbefahrene Landstraße bedeutet das im Klartext. Aber um halb neun starte ich in den blauen Sommermorgen hinein und bin so gut gelaunt, daß ich die besagte “böse” Wegstrecke ohne nennenswerte Schäden an Leib und Seele bald hinter mich bringe. Von Kelheim sehe ich nicht viel, weil mich die Überlegung in Anspruch nimmt, welcher Donauseite ich denn nun folge um die hohe Eisenbahnbrücke zu umgehen (siehe Donauradtour 1994). Auf der Karte ist am linken Ufer ein Feldweg eingezeichnet, denn ich mir einfach mal vornehme. Kurz nach Kelheim merkt man das Hochwasser wieder, aber der Radweg ist nicht überflutet, es läßt sich sogar recht angenehm dahinradeln. Der Feldweg ist dann doch etwas gröber als vermutet, aber es handelt sich nur um sechs Kilometer. Am Spätvormittag hebt sich auf einmal ein recht starker Südwind, der mir nicht nur die Pollen in die Augen sondern auch mich wie ein Segelschiff vor sich hertreibt.

Deswegen ist die Naabmündung bald erreicht. Vorher werfe ich der hohen Eisenbahnbrücke, die mich vor Jahren geärgert hat, noch einen bösen Blick zu, in einem Biergarten wird wieder Pause gemacht, wo sich gerade eine Blaskapelle aufbaut.
Mich stört das jedoch nicht, denn nach kurzer Zeit ist das alles nur mehr Erinnerung. Die Naabmündung ist erreicht, der Weg schwenkt nach Norden ab, ruhiger und beschaulicher wird die Landschaft. Der Wind legt sich mächtig ins Zeug, ich bin ganz erstaunt, daß der Tageskilometerzähler schon über 50 km zeigt. Als ich mich Kallmünz nähere, versuche ich mir vorzustellen, wie Kandinsky und Gabriele Münter damals vor dem ersten Weltkrieg mit dem Fahrrad von Regensbug aus hierher kamen und den ganzen Sommer in Kallmünz verbrachten. Ob sie wohl von diesen Kalksteinfelsen aus die oberpfälzer Landschaft malten?


Zusammen mit dem Wind ballen sich nun auch die Wolken und es schaut hinter meinem Rücken gar nicht gut aus, deswegen nehme ich mir in Bubach in einem neuen renovierten Landgasthof ein Zimmer. Es ist zwar erst 15.30, aber ich bin gut vorwärtsgekommen und zufrieden. Besonders, als ich auf der überdachten Terasse sitzend das Gewitter erlebe, fühle ich mich rundherum behaglich, um nicht zu sagen: sauwohl!


Montag, 31. Mai - Bubach bis Oberviechtach (55) km

Das Gewitter hat die Luft gereinigt, der Himmel ist wieder blau, lediglich der Wind ist geblieben. Wohl wissend, daß meine heutige Etappe um die Mittagszeit schon zu Ende sein wird, bin ich eher ein wenig traurig. Ich kann ja auch meinen Gefühlen freien Lauf lassen, denn treten brauche ich fast nicht, denn der Wind besorgt den Antrieb. Das Naabtal weitet sich hinter Schwandorf, die Ausläufer des Oberpfälzer Juras treten zurück, so hat der Wind ein leichtes Spiel. Ich zweige bei Schwarzenfeld in den Schwarzachtal Radweg ab, folge dem allmählich enger werdendem Tal, immer noch ohne von Steigungen belästigt zu werden. Dann muß ich die letzten 20 km auf der Landstraße nach Oberviechtach fahren, wo dann doch der eine oder andere Hügel auf mich wartet. Kurz nach Mittag treffe ich schließlich in meiner Heimatstadt ein.





Eigentlich wäre ich gerne noch weitergefahren, aber es ist ja erst Montag und ich habe noch die ganze Woche vor mir! Deswegen mache ich am Dienstag gleich eine Tagestour nach Neunburg, um dem Eixendorfer Stausee, Wutzschleife, Rötz und zurück. Mittwochs fahre ich mit meinen Eltern von Amberg nach Schmidmühlen und zurück. Am Donnerstag vormittag hole ich Margrit vom Bahnhof ab, abends machen wir zu zweit noch eine kleine Spritztour, um das Fahrrad auszuprobieren, daß meine Eltern für sie ausgeliehen haben...Am Freitag wird das Wetter schlechter, doch wir radeln zu viert den Regen entlang von Nittenau bis Walderbach. Am Samstag fahren wir einen Rundkurs um den Murner See und die neu entstandene Seenplatte im ehemaligen Braunkohle-Abbaugebiet bei Wackersdorf. Am Sonntag bringt uns der Zug nach München zurück. Als ich so im Zug sitze kann ich noch gar nicht glauben daß die Velo-Woche schon vorbei ist, aber ich bin rundum satt und glücklich, es war einfach eine Traumwoche.

Fast 500 km sind zusammen gekommen, es scheint daß ich in diesem Frühling schon mehr Kilometer gefahren bin als im ganzen letzten Jahr zusammen. Aber das ist noch nicht alles: der Sommerurlaub steht im August an. Zwei Wochen Radreise! 14 Tage Velofahren - das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.










 
 
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