Ostern 2002

Spritztour ins Elsass...
 
 
 
 
 
 

Fast haben unsere Velo-Touren am Osterwochenende schon Tradition - zweimal haben wir diese willkommenen freien Tage schon für einen zünftigen Saison-Auftakt benutzt. Letztes Jahr hat uns allerdings der verspätete Wintereinbruch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie wird es diesmal sein? Ich bin natürlich im Januar schon wieder mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs, ist ja klar. Aber es kommt anders: wir haben im Herbst ein nettes Ehepaar kennengelernt, Edith und Grigori, und die beiden regen ein gemeinsames Velo-Wochenende im Elsass an. Radfahren entlang der romanischen Strasse, Kultur und Kulinarisches geniessen, schliesslich sollen die Weine im Elsass ja auch nicht zu verachten sein…


Karfreitag, 29.3.2002 - Von Breisach am Rhein bis Colmar (48 km)

Grigori hat die Zugfahrt organisiert - ich bin diesmal "nur" Mitfahrender und kann es auch mal geniessen, einfach nur zu packen und mich mit Margrit um 7 Uhr morgens am Zürcher Hauptbahnhof einzufinden. Die Zugfahrt klappt dann auch wunderbar, wir steigen in Basel und Freiburg um und sind schon vor 10 Uhr in Breisach am Rhein.



Gleich geht's erstmal über den Rhein, der hier aufgestaut ist um mit seiner Kraft Energie zu erzeugen. Ausschauen tut's furchtbar, aber keiner von uns erwartet hier ein Idylle. Wir rollen uns langsam ein, machen auf französischer Seite einen Schwenk nach Norden und lassen die Kraftwerkszone bald hinter uns. Von der rechten Rheinseite grüsste Breisach herüber - eine grosse romanische Kirche blitzt durch das Buschwerk. Anfangs müssen wir noch mit einer mässig befahrenen Strasse vorlieb nehmen, doch bald finden wir uns auf einem Dammweg wieder, kommen durch ruhige Dörfer und freuen uns über die ersten Schwalben dieses Jahres. Es sei gleich vorweg genommen, dass wir an diesem Tage noch Rehe, Hasen, Brachvögel, Falken, zwei Fasane sehen...



Überall sieht man Kriegerdenkmäler und Mahnmale aus den Zeiten als Deutschland und Frankreich ganz anders miteinander verkehrten als sie es jetzt tun. Ist schon erstaunlich was sich in 50 Jahren alles ändern kann…Es ist einer dieser Frühlingstage die den Sommer schon erahnen lassen, sehr warm an der Sonne und trotzdem weht eine frische Brise, man weiss nicht so recht wie man sich kleiden soll. Wir gleiten durch das flache Rheintal, mit Blick auf die erste Hügelkette der Vogesen. Auf einem Hügel rechts voraus thront eine Burg - ich vermute dass es Haut Koenigsbourg ist, aber es ist zu dunstig um Näheres zu erkennen. Bald schon sind wir auf der Zielgeraden nach Colmar wo wir im Hotel Mercure ein Zimmer reserviert haben. Am Spätnachmittag sieht man uns die Colmarer Altstadt erkunden, zwei Kirchen besichtigen, einen kleinen Apero im Freien zu uns nehmen. Anschliessend befinden wir uns auf der Suche nach dem Stadtviertel "Petite Venice" als uns (mich) der Hunger in ein gutbürgerliches Restaurant treibt. Erst auf dem Nachhauseweg finden wir das Langersehnte...










Samstag, 30.3.2002 - Colmar bis Ensisheim, 52 km

Das schöne Wetter von gestern hat sich für heute verflüchtigt - ein zäher Hochnebel liegt über der Stadt und den ganzen Tag werden wir heute im Trüben fahren. Doch zuerst gilt es die Tagesplanung zu machen - wichtig ist die Festlegung des Übernachtungsortes, weil wir morgen bis nach Basel kommen wollen und weil es nicht gesagt ist, dass wir in den kleinen Dörfern die auf der Strecke liegen auch wirklich Hotels finden werden, die über Ostern offen haben und 2 Doppelzimmer frei haben. Im Touristenbüro bekommen wir ein Hotelverzeichnis und können dort auch gleich zwei Zimmer in Ensisheim vorausbuchen. Nun also kann der Tag beginnen... Erstmal steht das Musée d'Unterlinden an, genauer gesagt der Isenheimer Altar, denn für das gesamte Museum mit seinen Kunstschätzen würden wir einen ganzen Tag benötigen. Abwechselnd besichtigen wir das Museum, passen auf die Räder auf, besorgen Proviant für zwei Tage.

Und dann sind wir wieder auf Strecke: zuerst eine etwas nervige Ausfallstrasse Richtung Süden. Wir können zwar bald auf eine kleinere Strasse abzweigen, im weiteren Verlauf werden wir aber immer wieder recht nahe an der Route Nationale entlang fahren müssen. Das ist zwar schade, jedoch ist der heutige Tag eher den Kulturgenüssen und nicht der Landschaftsbetrachtung gewidmet, obschon die Gegend hier wirklich sehenswert ist: wir fahren dort wo die Ebene langsam ansteigt nach Süden, rechter Hand die Vogesen und immer wieder Burgen und Dörfer auf halber Höhe. Grigori hat sich ein paar kulturelle Highlights herausgepickt die er unbedingt sehen möchte und wir befinden uns eigentlich auf dem Weg nach Roufach, einem Dorf in dem mehr Hexen im Mittelalter verbrannt wurden als anderswo in der Gegend, als wir unversehens in ein kleines Städtchen mit herausgeputzer Altstadt und ringförmigen Grundriss geraten: Eguisheim. Weinstube reiht sich an Weinstube - Souvenirladen an Souvenirladen… Trotzdem schön! Und: auf dem Kirchturm befindet sich ein bewohntes Storchennest. Ein nettes Örtchen dass man gut als Ausgangspunkt für Besichtigungstouren in die Vogesen in Betracht ziehen könnte.










Nach einem Picknick im Freien treffen wir in Roufach ein, dass eine ganz andere Stimmung verbreiten: hier steht genauso viel alte Bausubstanz herum wie in Eguisheim, aber es ist nicht bunt renoviert sondern vermittelt eine authentischeren Eindruck vom "früheren Leben" hier im Ort. Rund um die Kirche ist ein interessanter Dorfplatz mit ihm umschliessenden Gebäudekomplexen entstanden. Auch hier gibt es Storchennester auf den Häuserdächern und es herrscht reger "Flugbetrieb". Die nicht fertiggestellte Kirche lässt sich leider nicht besichtigen weil in ihrem Inneren ein Chor eine Musikaufnahme tätigt, allerdings sind in einem Café mit Blick auf den Platz noch Plätze für uns frei…



Bald sind wir wieder unterwegs. Die Tatsache, dass wir immer mit der Route Nationale konfrontiert sind, mit Strassenlärm und optischer Beeinträchtigung, lässt uns die nächste Gelegenheit zum Abzweigen auf eine Nebenstrasse wahrnehmen. Zwar führt uns dieser Weg im Zickzack-Kurs auf unser nächstes Ziel zu und irgendwann wird aus der Asphaltstrasse ein ausgewaschener Feldweg, aber es ist eine angenehme Abwechslung, wenn man abseits vom Autoverkehr durch die Weinfelder radeln kann. Die letzten Kilometer vor Guebwiler, unserer letzten Besichtigungsetappe für heute, mühen wir uns auf der Einfallstrasse mit mässigem Verkehr ab. Mässig ist die Begeisterung dann auch für Guebwiler selbst - es gibt zwar eine imposante Kirche, doch entweder bin ich schon zu müde, oder… naja, jedenfalls befinden wir uns dann relativ schnell auf der Zielgeraden und legen die letzten 9 km bis Ensisheim recht flott zurück. Direkt neben unserem Hotel, dem "La Couronne", befindet sich ein Gefängnis, die Wirtsleute laufen wegen einer Augenoperation mit grossen dunklen Brillen herum (beide!) und wir müssen recht lange auf unser Essen warten, allerdings lohnt sich die Wartezeit denn wir speisen vorzüglich und sind auch den Getränken - leider etwas zuviel - zugetan…


Ostersonntag, 31.3.2002 - Ensisheim bis Muttenz, 68 km

Was gibt es Schöneres, als am Ostersonntag von einem strahlend blauem Himmel und mit Sonnenschein geweckt zu werden? Richtig: am Ostersonntag von einem strahlend blauen Himmel und mit Sonnenschein geweckt zu werden ohne am Vortag zu tief ins Glas geschaut zu haben… Tja, selbst schuld. Nach dem Frühstück vertreibt der Gegenwind den schweren Kopf, als wir nach Osten durch die intensiv landwirtschaftlich genutzte Rheinebene fahren, dann kerzengerade kilometerlang durch den Staatswald pedalieren um uns schliesslich im Städtchen Ottmarsheim wiederzufinden, dass mit der eindeutig schönsten romanischen Kirche dieser Reise aufwarten kann. Nach ausgiebiger Besichtigungspause und weiterer hartnäckiger Heimsuchung durch den Gegenwind dann endlich ein Picknick im Grünen - heute mit Sonnenschein und Vogelgezwitscher, Käse, Brot und Gugelhupf. Eine etwas langweilige Strecke dann bis Kembs (erwähnenswert hier nur die Imitation einer Burg, die sich ein reicher oder/und grössenwahnsinniger Bauer oder Pferdezüchter gebaut hat), dort eine verdiente Kaffeepause im Yachthafen und schon rollen wir an dem Kanalweg des Rhin-Du-Rhone Kanals durch ein Naturschutzgebiet auf Basel zu. Hier blüht schon alles. Frühlingsidylle. Zweimal sehen wir eine Bisamratte.







Basel kommt näher, der Kanal mutiert zum Naherholungsgebiet und schliesslich finden wir uns ohne Grenzkontrolle auf schweizer Seite wieder, ein paar Minuten Stadtverkehr noch und schon stehen wir am Basler Bahnhof. Hier trennen sich unsere Wege. Edith und Grigori sind etwas überrascht, dass wir sofort weiter wollen, aber wenn wir jetzt eine Pause einlegen bringt uns niemand mehr in den Sattel. Nach dem kurzen Abschied mühen wir uns noch durch den Basler Stadtverkehr auf die andere Stadtseite, um morgen früh direkt in die Landschaft starten zu können. In Muttenz finden wir gleich ein Hotel. Was für ein Kontrast: gestern noch im alterwürdigen "La Couronne" mit französischer Küche, heute im modernen Coop-Hotel mit sterilem 4-Sterne-Chic, das Restaurant im selben Stil…



Ostermontag, 1.4.2002 - Muttenz bis Zurzach, 75 km


Heute sind wir ausschliesslich im Rheintal unterwegs, dieselbe Strecke die wir vorigen Sommer in umgekehrter Richtung gefahren sind. Es will heute nicht so recht rollen, obwohl wir sehr schönes Wetter haben. Vielleicht liegts am Gegenwind, unter Umständen ist aber auch ein Pausentag angesagt, es kann aber auch die andauernde Nähe zu den grossen Autostrassen hier in diesem Teil des Rheintales sein. Bei jeder Annäherung an einen Bahnhof reden wir über einen Abbruch der Fahrt, schaffen es aber doch noch bis Zurzach, wo wir dann noch eine kleine Odyssee mitmachen "dürfen", bis wir wieder zuhause in Zürich sind: in Zurzach funktioniert die Bahnschranke nicht, was alle Züge in eine etwas einstündige Verspätung versetzt und den Fahrplan durcheinander wirft…



War trotzdem ein guter Tag. Für die technisch Interessierten: es war die erste Reise mit dem neuen Delite black von Riese & Müller. Bin sehr zufrieden mit dem Rad - besonders das Fahrverhalten mit Gepäck ist hervorragend - habe anscheinend für's Erste das optimale Reiserad gefunden.

 
 
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