Ostern 2003 - Neckarradweg von Bietigheim nach Heidelberg

Hors d'Oeuvre...
 
 
 
 
 
 

Man mag sich daran erinnern dass wir letztes Jahr Ostern mit unseren Freunden Edith und Grischa eine erste Veloreise unternahmen - eine Spritztour ins Elsass, kulinarischer und kultureller Genuss gleichermassen. Noch während der kalten Jahreszeit entsteht die Idee, auch dieses Jahr das Osterwochenende gemeinsam für einen Veloausflug zu nutzen. Anfangs erscheint uns die Poebene in Italien als ideales Reiseziel, da wir aber nur 4 Tage zur Verfügung haben und zudem wohl die ganze Welt Richtung Süden unterwegs sein wird, entscheiden wir uns für die Gegenrichtung: nach Norden ins Baden-Württembergische soll es gehen, eine Reise den Neckar entlang. Heidelberg soll das Ziel dieser Reise sein, wir rechnen die Kilometer die wir fahren wollen zurück und unterm Strich dieser Mathematik-Aufgabe kommt Bietigheim als Startpunkt heraus...


Karfreitag, 18.4.2003. Bietigheim bis Heilbronn (45 km)

Leider ist es nicht mehr möglich die Velos im ICE von Zürich nach Stuttgart mitzunehmen. Der Deutschen Bahn war es wohl zu unrentabel und das Pilotprojekt wurde in dieser Saison wieder eingestellt. Deswegen bleibt uns nichts anderes übrig als ein paar Mal umzusteigen bis wir Bietigheim erreichen: Winterthur -> Schaffhausen -> Singen -> Stuttgart -> Bietigheim...endlich sind wir etwa um ein Uhr vor Ort. Nach kurzer Orientierungszeit rollen wir auf einer Ausfallstrasse dem Neckar entgegen. Die Sonne scheint und die Temperaturen wären eigentlich recht angenehm, aber ein kühler und starker Ostwind lässt mich frösteln. Trotzdem sieht man Sonnenbadende in Badekleidung auf einer Sandbank liegen: die haben sich ein windstilles Plätzchen gesucht. Eine Schautafel am Rande eines Naturschutzgebietes erklärt uns die drastische Veränderung des Flussbettes während der periodisch wiederkehrenden Hochwasser, mich bedrückt jedoch eher die drastische Veränderung der Landschaft durch den Eingriff des Menschen: Starkstromleitungen, Industrieanlagen, Kraftwerke im trauten Nebeneinander mit Weinbergen, weidengesäumten Ufern und der Blühte der Obstbäume. Gerade die steilen Terrassen der Weinberge erscheinen jetzt in ihrer Kahlheit sehr skurril, eine sonderbare Bauklötzchen-Landschaft.





Nachdem wir uns einige Höhenmeter auf das Niveau der Weinberge hinaufgeschraubt haben lockt uns eine Rastplatz unter einem vollerblühten Obstbaum zu einem Picknick. Langsam nähern wir uns dem Fachwerkstädtchen Besigheim. Es herrscht ein geschäftiges Treiben in den Altstadtgassen, wir schieben unsere Räder an Strassencafés und Restaurants, Läden mit schmucken Auslagen und umher spazierenden Touristen vorbei. Unten am Fluss ein Kraftwerk, eine Kiesgrube und Schrebergärten mit Hobbygärtnern, die sich just an diesem Ausblick erfreuen. Ein Eis gibt es dann in Kirchheim, wo eine moderne Plastik uns und unserer Leistungsgesellschaft den Spiegel vorhält.





Ein kleines Weilchen später erscheint das Städtchen Lauffen am Horizont: der Rest einer Stadtmauer und darüber die eigenartige Silhouette eines modernen Bauwerkes, alles auf einem Hügel über dem Fluss erbaut. Wir erklimmen auch hier steile Altstadtgassen und finden in diesem Bauwerk die - zugegebenermassen - geschickt verkleideten Silos eines Zementwerkes wieder. Nun, ob dieser Entdeckung muss man dann doch erstmal eine Pause im Vorgarten einer kleinen Wirtschaft machen. Wir nutzen den Aufenthalt in Lauffen, auch um in Heilbronn im Hotel Urbanus Zimmer zu reservieren.
Die letzten Kilometer dieses Tages führen uns durch eine recht idyllische Passage. Wir radeln entlang einer schichtweise aufgebauten Felswand aus Tuff, gekrönt von einem Wäldchen, linkerhand säumen Auwälder die Ufer. Ein Temperatursturz lässt uns nochmals die warmen Sachen anziehen, bevor wir die Vororte Heilbronns erreichen. Zufälligerweise führt uns die Einfahrtsstrasse auch direkt an unser Hotel heran. Abends essen wir auf Empfehlung in einem gut bürgerlichen Restaurant und werden mit Speisen und Weinen der Gegend verwöhnt.


Karsamstag, 19.4.2003, Heilbronn bis Neckargerach (54 km)


Der morgendliche Blick aus dem Fenster ist ernüchternd: tief ziehende Wolken, niedrige Temperaturen, der Wetterbericht spricht von "gefühlten 6 Grad". Ungemütlich,wenn man aus dem warmen Frühstücksraum in die Kälte soll. Trocken ist es ja, da können wir uns nicht beschweren, also los. Wir benötigen noch Proviant da die Lebensmittelgeschäfte über Ostern geschlossen haben. Heilbronns Fussgängerzone birst aus allen Nähten während wir uns auf die Suche nach einem Lebensmittelgeschäft machen und die Räder durch die Masse der Einkaufenden und Bummelnden stossen. Leider ist die Stadt nicht gerade ein architektonisches Highlight, sie wurde im zweiten Weltkrieg zu 80% zerbombt und es stehen nur mehr wenige ältere Bauwerke wie einzelne Zähne in einem ansonsten zahnlosen Mund. Auch die Bevölkerung macht irgendwie keinen recht glücklichen Eindruck. Vielleicht ist's ja auch nur der düstere Himmel.



Naja, jedenfalls sind wir bald wieder auf Strecke und pedalieren durch ein weites, stark industrialisiertes Tal. Heilbronn ist natürlich ein wichtiger Umschlagplatz und ein grosser Hafen und so begleiten uns Ladekräne und Containerterminals, Frachtkähne und natürlich wieder Stromleitungen: die Kulisse einer modernen Inszenierung eben. Die Türme der Bad Wimpfener Kaiserpfalz erscheinen am Horizont und schlagen eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit. Diesmal will ich mich nicht unten vorbeischleichen wie letztes Jahr! Steil geht es hinauf in die Altstadt, doch die Anstrengung lohnt sich: Bad Wimpfen ist ein Kleinod! Nicht ganz so touristisch wie Rothenburg ob der Tauber und natürlich auch kleiner, aber mit demselben Fachwerkcharme: der Blaue Turm, Reste der Kaiserpfalz, viel grobes Kopfsteinpflaster, die ganze Palette mittelalterlicher Stadtbaukunst eben.Schöner Ausblick auf der anschliessenden Abfahrt ins Neckartal, das nun allmählich etwas enger wird. Nun wird es wieder etwas idyllischer und ansatzweise naturbelassener, die Hornburg grüsst vom anderen Ufer herüber, Schloss Gutenberg liegt diesseits des Flusses, die bewaldeten Höhen rücken näher an den Fluss heran. In Neckargerach finden wir gemütliche Unterkunft in der Eisenbahngaststätte, kulinarisch werden wir mindestens genauso verwöhnt wie tags zuvor und die Atmosphäre ist viel familiärer.









Ostersonntag, 20.4.2003, Neckargerach bis Neckarsteinach (50 km)

Ein üppiger Frühstückstisch wartet auf uns im Frühstücksraum, der gleichzeitig wohl der Festsaal bzw. das Vereinszimmer der Neckargeracher Flussschiffer- und Fischervereine ist: allerhand Urkunden und Andenken schmücken die Wände, Schiffsmodelle hinter Glasvitrinen, Medaillen und alte Schwarzweiss-Aufnahmen aus besseren Tagen.
Heute Nacht hat es geregnet aber wir starten in einen blauen Morgen, etwas kühl ist es noch aber das soll sich heute wohl noch ändern. Leider rollen wir jetzt erstmal an der Bundesstrasse entlang, aber nur für kurze Zeit, denn schon sehen wir auf einer Anhöhe vor uns die Burg Zwingenberg trotzen, der wir einen Besuch abzustatten gedenken. Nachdem wir endlich im zur Burg gehörenden Ort die Zufahrt gefunden haben, geht es mässig bergauf. Eine Schlossbesichtigung selber ist nur für Gruppen und auch nur nach Voranmeldung möglich, aber eine Wanderung zur Wolfsschlucht und zur Lebenseiche - mystische Orte die Carl Maria von Weber zum Freischütz inspirierten - steht uns frei. Ich lasse mich aber lieber vom Ausblick ins Flusstal inspirieren und so lasse ich meine Begleiter alleine die schicksalsschwangeren Plätze aufsuchen und setze mich lieber auf die Schlossmauer und zeichne. Nachdem jeder von uns auf individuelle Weise auf seine Kosten gekommen ist, rollen wir wieder ins Tal und zur Fähre, denn auf der anderen Flussseite führt der Weg fernab vom Autoverkehr. Der Fährmann verzichtet auf die Mittagspause und setzt uns sofort über, die Sonne wärmt inzwischen recht artig und auch ein Plätzchen für ein Picknick ist bald gefunden...







Nach dieser Stärkung folgen wir dem gewundenem Lauf des Flusses, mal direkt in Flussnähe auf einem bewaldeten Uferweg, dann wieder auf halber Höhe durch Weiden oder Streuobst-Wiesen. Eberbach taucht vor uns auf, es gibt eine Kaffeepause in diesem von Touristen wimmelnden Ort, aber für eine ausgiebige Besichtigung erscheint er uns nicht lohnend genug. Hirschhorn dagegen schon eher! Schon auf der Einflugschneise liegt mit der Ersheimer Kapelle ein gotischer Leckerbissen auf dem Weg. Das Gestein hat inzwischen von weisslich-gelbem Tuff zu rost-rotem Sandstein gewechselt und es ist faszinierend welche Symbiose Baustile und verwendete Baumaterialien manchmal eingehen. Eine Flusswindung weiter und schon hat man das Panorama des Städtchens Hirschhorn vor sich. Über der Kaimauer Fachwerkhäuser, weiter oben am Hang ein Kloster und noch weiter droben dann eine Burgruine. Bis dahin schaffen wir es zwar nicht, aber als wir den Fluss auf einer Schleuse überquert haben, schieben wir unsere Räder immerhin bis zu jenem Kloster. Ein schöner Blick eröffnet sich uns über Altstadtgassen mit Giebeln und Ziegeldächern und den Neckar und die blauen Wälder in der Ferne...



Die letzten Kilometer dieses Tages verlaufen im recht engen Flusstal, die Sonne gibt ihr bestes und die Temperaturen steigen auf frühsommerliche Werte. Wir überqueren bei Neckarsteinach den Neckar auf einer Schleuse und lassen uns von einem einheimischen Ehepaar eine Übernachtungsmöglichkeit anempfehlen. Auf der Zielgeraden zum Hotel läuft uns noch ganz ungeniert eine Ratte über den Weg - und zwar von rechts nach links...ein Omen? Den Abend verbringen wir direkt am Neckar auf der Terasse eines Restaurants, dessen Besitzer leider die Vergangenheit nicht ruhen lassen kann, denn in einer abgeteilten Nische des grossen Gastzimmers gibt es eine Art Rommel-Altar, mit einer grossen Fotografie Rommels, einer grossen Landkarte des Afrika-Feldzuges und anderen Erinnerungsstücken. Beim Anblick dieser stolz gezeigten Geschichte wird's wohl so manchem Gast gar nicht wohl um's Herz...




Ostermontag, 21.4. Neckarsteinach bis Heidelberg, ca. (20 km)

Nun denn, der letzte Tag ist angebrochen. Ein trauter Morgen, windstill und warm. Wir dürfen anfangs noch ein Weilchen auf ruhigen Wegen das Flusstal geniessen bis wir uns Heidelberg nähern und damit auch mit dem Radstreifen entlang der Bundesstrasse vorlieb nehmen müssen. Viel zu schnell sind wir dann da. Erst grüsst die enorme Schlossruine vom anderen Ufer herüber, dann stehen wir an der alten steinernen Brücke und machen Fotopause, radeln in die Heidelberger Altstadt zu einer kurzen Kaffeepause mit Lagebesprechung. Unser Zug fährt erst nach 16 Uhr, also haben wir noch genügend Zeit um die Stadt mit den Velos zu erkunden. Auch auf der Rückfahrt will die Deutsche Bundesbahn uns ein paar Mal umsteigen sehen, bevor wir abends um 10 Uhr wohlbehalten zuhause ankommen...

















 
 
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